Deutschlands größtes AKW weist massive Sicherheitsprobleme auf

Das Atomkraftwerk ist sicher, sagt Bayerns Umweltminister Huber. Sein Kollege Untersteller in Stuttgart hegt daran Zweifel. Auch immer mehr Experten monieren, dass längst nicht alle Vorgaben erfüllt werden.

MARTIN HOFMANN |

Ein Brief erregte über Ostern die politischen Gemüter. Verfasst hat ihn Baden-Württembergs grüner Umweltminister Franz Untersteller. Zur "Kenntnis" ging das Schreiben an seine für die Atomaufsicht zuständigen Kollegen in Bund und Ländern. Untersteller drückt "sein außerordentliches Befremden" aus, dass die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) feststellt, das größte in Betrieb befindliche deutsche Atomkraftwerk "habe bereits seit seiner Genehmigung nicht dem kerntechnischen Regelwerk entsprochen". Er fordert, dass die "Sicherheitslage geklärt und die Sicherheit gewährleistet wird".

Schlamperei? Marcel Huber, als Bayerns Umweltminister oberster Atomaufseher im Freistaat, reagierte prompt. Auf Facebook teilte er den Bürgern mit, dass "das Kernkraftwerk Gundremmingen zu jedem Zeitpunkt sicher betrieben wurde und auch weiterhin betrieben wird. Dafür tragen wir mit allem Nachdruck Sorge." Der CSU-Mann fügt hinzu: "Andeutungen in den Medien, dass dem nicht so wäre, sind falsch."

Nun hat die GRS in einer 60-seitigen Stellungnahme zum Kernkraftwerk Gundremmingen notiert, dass "die Anlage für den Fall eines Bemessungserdbebens die Anforderungen" nach den geltenden wie bisherigen technischen Regeln "nicht erfüllt". Die gemeinnützige Organisation gehört zu jeweils 46 Prozent dem Bund wie den Technischen Überwachungsvereinen, je vier Prozent halten die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die Gesellschaft prüft seit 1976 vor allem für die Atomaufsichtsbehörden Kernkraftwerke. Und sie ergänzt die brisante Passage: Der Tüv Süd bestätige diese Aussage.

Professor Wolfgang Renneberg - zehn Jahre lang Abteilungsleiter Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium - erklärt: "Die Regeln müssen eingehalten werden." Sie seien ausschlaggebend für den Weiterbetrieb eines Kraftwerks. Das Ziel: Alle denkbaren Naturereignisse und technischen Störungen dürfen nicht zur Havarie einer Atomanlage führen. Dazu gehöre: Die zwei Reaktoren in Gundremmingen müssen ein Erdbeben, das alle 100 000 Jahre auftritt, sicher überstehen. Das sei nicht der Fall, so der Physiker und Jurist.

Entscheidend dafür sind die Not- und Nachkühlsysteme. Sie sollen gewährleisten, dass der Reaktor nicht überhitzt. Zwar verfügen die Blöcke über je vier solcher Kühlstränge. Doch zwei seien baugleich und könnten durch eine einzige Ursache ausfallen. Das dritte Rohrsystem ist nicht erdbebensicher. Das Vierte genügt den Qualitätskriterien für Sicherheitssysteme nicht. GRS wie Tüv bestätigen das. Sie widersprechen Marcel Huber. Er sagt, die Kühlsysteme würden die "Sicherheitsanforderungen vollständig erfüllen".

Renneberg fehlen weitere notwendige Nachweise. Unklar sei, ob das Kraftwerk gegen ein 10.000-jähriges Hochwasser gewappnet ist. Um in diesem Fall von einem Gebäude zum anderen zu kommen, plane man, Boote einzusetzen. Nicht belegt sei, ob die Folgen eines Hochwassers und Erdbebens beherrscht werden, was nach dem Regelwerk vorgeschrieben sei. Huber entgegnet, alle Nachweise zur Beherrschung auch extremer Hochwasser lägen vor.

Hinzu kommt: Der Reaktordruckbehälter, in dem die Kernspaltung abläuft, entspreche längst nicht mehr dem verlangten Stand von Wissenschaft und Technik. Die Schwachstelle in dem 22 Meter hohen Stahlbehälter mit einem Durchmesser von 7 Metern ist die gekrümmte Bodenkalotte. Sie ist angeschweißt. "Bereits beim Bau der Siedewasserreaktoren gab es Zweifel, ob die Schweißnaht dem Druck von 70 bar gewachsen ist", sagt Renneberg. Inzwischen haben zahlreiche Tests der TU Berlin ergeben, dass in dem Stahlteil Spannungen bis zur Elastizitätsgrenze auftreten. Risse sind da unvermeidlich. Ob sie vorhanden sind, lässt sich jedoch nicht prüfen, da Pumpenstutzen in diesem Bereich eine lückenlose Kontrolle verhindern. Diese schreibt das kerntechnische Regelwerk zwingend vor.

Nicht klar ist außerdem, ob die Anlage die Sumpfsiebproblematik lösen kann. Im schwedischen Reaktor Barsebäck riss 1993 Kühlmittel nach einem Leck 200 Kilogramm Isoliermaterial von umliegenden Rohren. Die Mineralfasern verstopften ein Sieb in der Kammer, wo Dampf wieder zu Wasser kondensiert. Der Reaktor - pro Stunden fließen 51.500 Tonnen Wasser durch - konnte nicht mehr gekühlt werden. Es drohte eine Kernschmelze.

Den Reaktortechnikern gelang es, die Kühlung nach anderthalb Stunden wieder sicherzustellen. Aus dem Vorgang zogen deutsche Behörden Konsequenzen - 17 Jahre später. Der Störfall muss seit 2010 beherrscht werden, wobei der Einbau neuer Siebe mit größeren Löchern laut Reaktorsicherheitskommission nicht ausreichen dürfte. Dann könnten Partikel hindurchfließen, die Brennelemente und Steuerstäbe beschädigen, so Experten.

Nun erklärt Huber, dazu seien Maßnahmen ergriffen und seit Ende April in beiden Reaktoren umgesetzt worden: wahrscheinlich Siebe mit etwas größeren Löchern.

Reicht das aus? Zurzeit prüft das Bundesumweltministerium eine Stellungnahme aus Hubers Haus, die seit März vorliegt. "Gründlich werde sich die Bundesaufsicht mit den Ausführungen befassen", sagte eine Sprecherin. Untersteller will, dass im Bund-Länder-Ausschuss Reaktorsicherheit die "Abweichungen vom Regelwerk" geklärt werden. Er tagt im Mai. Die Karlsruher Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) plädierte für einen öffentlich zugänglichen Fachworkshop, um die Sicherheitslage zu erörtern. So viel Transparenz geht Huber aber entschieden zu weit. Er hat den Vorschlag abgelehnt.

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