Der eine schafft, der andere feiert

Der Protestant schafft, der Katholik lebt. Stimmt das? Vermutlich ist es ein Klischee. Aber nicht seit langem.

EGBERT MANNS |

Protestanten = Askese = Verzicht einerseits, Katholiken = Genuss andererseits, das sind keine rein religiös bedingten Unterschiede, "das sind historische Restsubstanzen", sagt die Volkskundlerin Prof. Christel Köhle-Hezinger.

Noch um 1820 malte der Biberacher Johann Baptist Pflug (1785 bis 1866) ein Bild, das den Unterschied sinnfällig macht, der sich seit der Reformation entwickelt hatte: rechts der magere Bauer aus Altwürttemberg, schmucklos gekleidet, in demutsvoll gebückter Haltung, einen Stecken in der Hand, hinter ihm sein Weib, ebenso schmucklos gekleidet, die Hände vor den Leib gelegt.

Links neben ihm, selbstverständlich genau im Zentrum des Bildes, die fein gewandete bäuerliche Herrschaft aus Oberschwaben, von gutem Essen gut gerundet, fröhlichen Blickes, mit verzierter Weste, Tabakpfeife in der Hand und einem Hund, der mehr Brust- als der altwürttembergische Bauer Bauchumfang hat.

Pflug bildet die ökonomischen Verhältnisse ab. Die sind die Folge unterschiedlichen Erbrechts. In Altwürttemberg galt die Realteilung: Alle männlichen Erben erhielten gleich viel, wodurch die Grundstücke immer kleiner und kleiner wurden - zu wenig zum Leben. Im schwäbischen Oberland galt das Anerbenrecht: Der Älteste bekam alles Land. Die nachfolgenden Geschwister wurden Priester, Nonne oder gar Knecht und Magd auf dem Hof des Ältesten und durften zusehen, wie er es sich gutgehen ließ.

Die ökonomischen Verhältnisse lassen sich von den konfessionellen nicht trennen. Ebenso wenig die Amplituden der Lebenseinstellungen zwischen Verneinung und Bejahung von Lust - Lust auf Genuss, auf Fröhlichkeit, auf Weltlichkeit, auf Lust aller Art.

Die protestantische Un-Lust hat eine Wurzel, die von Luther gepflanzt worden ist. Er verordnete seiner Gefolgschaft das wache Gewissen. Es ist stets rein zu halten, denn Gott sieht alles.

Gedüngt wurde die Wurzel von der aufkommenden Neuzeit. Köhle-Hezinger: "Das Weltbild entdeckte das Individuum, den Menschen als autonomes Subjekt."

Das bedeutete Stress für die Protestanten. Wer sich als Gegenüber Gottes begreift, muss sich rechtfertigen, muss Leben, Arbeit, Leib, Nichtarbeitszeit, Sexualität als Gottesdienst begreifen - und verantworten. Zu leben heißt, den Glauben weiterzugeben. Der Protestant erkennt in der Bibel selber, was Gottes Wille ist, er ist sozusagen Gottes Gesprächspartner.

Da ist wenig Platz für Lustigsein. Schon gar nicht für Lust auf Essen, denn zu viel Essen ruiniert den Leib, den Gott geschenkt hat. Völlerei? Sünde! - Wie praktisch, dass das zu der Armut vieler Protestanten passte. So macht man aus der Not eine Tugend.

Katholiken hatten es einfacher. Nur einer von Tausenden war berufen, den Glauben in seiner Fülle zu erkennen - der Priester. Die anderen waren bloß Laien, Ungelehrte. Sie folgten Gott, indem sie Papst, Bischöfen und Priestern folgten - der Katholik war eben nicht Gottes unmittelbarer Gesprächspartner.

Wer sein Leben nicht so direkt vor Gott verantworten muss, hat Freiraum für das, worauf er Lust hat. Zeitgenössische Gemälde und Karikaturen zeigen, dass nicht nur der Laie, sondern auch der Diener Gottes nichts gegen einen kugeligen Leib hatte - allzu menschlich. Und wenn der Katholik über die Stränge schlägt: Macht nichts, Gott hat das für ihn schon am Kreuz gebüßt, und was an Buße fehlt, lässt sich in den 40 Tagen vor Ostern nachholen.

Luthers Kritik an der Kirche bezog sich ja auch ausdrücklich auf die Faschingszeit. Heute noch gelangt der Karneval gerade in katholischen Hochburgen zu Höhepunkten, für die der Protestantismus kein Verständnis aufbringen kann. Die Zeit des Fleisches, der Ausschweifungen, der Sauferei und Hurerei - also nein!

"Du sollst nicht Karneval feiern", das wird unter Protestanten durchaus als elftes Gebot genannt. Was dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, vor ein paar Jahren dann doch zu viel ward. Er ermahnte die Protestanten, den Menschen "nicht das Feiern und Genießen zu vermiesen", indem sie streng theologisch "zwischen ,sündigem Fleisch' und ,gottwohlgefälligem Geist'" unterscheiden.

Tanzen verboten, Schmuck, Bilder, Kino, Rockmusik, Altar, Prozessionen, Glockenläuten - vieles hat der "gottwohlgefällige Geist" zeitweise verboten. Ein paar Kilometer weiter zogen Katholiken mit Fahnen und Baldachin, mit Musik und Gesang durch die Straßen, kehrten danach zunächst in ihrer reich verzierte Barockkirche und dann im Wirtshaus ein.

"Da lebten wir Kinder Lutheraner von etwas Predigt und Gesang", schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1813. "Waren aber dem Kling und Klang der Katholiken nur zugetaner. Denn alles war doch gar zu schön, bunter und lustiger anzusehn."

Zu Luthers Wurzeln gehört ein weiterer Aspekt, das neue Arbeitsethos. "Arbeit ist nicht mehr die Strafe für den Sündenfall", sagt Köhle-Hezinger. "Sondern Arbeit ist etwas Gutes, sozusagen Gottesdienst." Nach Luther: "Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen." Der Mensch lebt, um zu arbeiten.

Freizeit war Protestanten also erst nach getaner Arbeit gestattet - von letzterer war aber immer genug da. Vor allem, wenn man dann doch arbeiten musste, um zu leben.

Vor solcher Unbill hat die Katholiken lange eine weitere Genussgrenze geschützt, eine etwas unproduktive Gewohnheit: Wenigstens jeden dritten Tag hatten sie einen Heiligen- oder Feiertag, an dem sie nicht oder nur wenig arbeiten durften. Köhle-Hezinger: "Der Katholizismus war gegenüber der protestantischen Arbeitsethik recht resistent."

Ist von der Resistenz etwas übrig? Die "Stereotype" (Köhle-Hezinger) vom schaffenden Protestanten und genießenden Katholiken hält sich jedenfalls, aber auch Katholiken ist klar: Wo protestantische Arbeitsethik herrschte, entwickelten sich Produktivität und Wohlstand. Annäherung durch Wandel. Sozusagen Gott sei Dank!

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