Der Skandal als süffige, aber unwichtige Geschichte

Erst Wulff, dann Steinbrück, jetzt Brüderle - wen die Medien ins Visier genommen haben, lassen sie so schnell nicht los. "Die gehetzte Politik" ist das Thema eines neuen Buchs des Medienforschers Pörksen.

GUNTHER HARTWIG |

Kardinal Lehmann hat jüngst die "Boulevardisierung" der Medien beklagt. Wenn Sie in Ihrem Buch von zunehmender Skandalisierung und Trivialisierung der Politiker und der Politik sprechen - beschreiben Sie dann den gleichen Trend?

BERNHARD PÖRKSEN: Nein. Die Boulevardisierung der Politik - die Tendenz zur Vereinfachung, Zuspitzung und radikalen Personalisierung - gibt es schon länger. Sie ist ein Standardvorwurf der Kulturkritik. Wir sind einem anderen Trend auf der Spur, der jüngeren Datums ist. Unsere Frage lautet: Welche verborgenen Einflüsse regieren heute die Politik? Was verursacht diese ungeheure Anspannung, den inneren Alarmzustand, den permanenten Reaktionszwang und die mitunter einfach ideenlose Raserei im politischen Tagesgeschäft? Unsere Antwort: Politik findet heute im Medienkorsett statt.

Was heißt das konkret?

PÖRKSEN: Überall entdeckt man Kameraaugen; jeder Blackout wird womöglich vor einem Millionenpublikum auf YouTube gefeiert, auch aus internen Sitzungen wird kräftig an Journalisten gesimst. Und wir alle lieben die Empörung über die Affären und Affärchen, die sich blitzschnell verstehen lassen: Mal geht es um überzogene Vortragshonorare, dann wieder um ein paar gesponserte Tage in einem Luxushotel, schließlich um sexistische Sprüche an irgendeiner Hotelbar. Es ist diese letztlich grausame Totalausleuchtung und die neue Medienmacht, die uns interessiert. Der Skandal ist auf der Ebene der süffigen, sofort verständlichen, aber gesellschaftlich oft irrelevanten Geschichte angekommen.

Die Politik gerät zwischen die Mühlsteine mächtiger Märkte, Medien und Lobbyisten. Bleibt da nur Angela Merkels Strategie der Vermeidung von Politik und der Verweigerung unverrückbarer Positionen?

PÖRKSEN: Das ist ein interessanter Punkt. Man hat ja Gerhard Schröder oft vorgeworfen, er biedere sich den Medien an - und in der Tat: Schröder tauchte bei Gottschalk auf, er ließ sich für ein Lifestyle Magazin im Brioni-Anzug fotografieren und lieferte mitunter den Krawall-Auftritt. Sein Stil wäre heute gefährlich, denn er polarisiert zu sehr. Angela Merkel ist hingegen die Medienkanzlerin neuen Typs, sie ist unangreifbar, weil schwer festzulegen. Sie liefert keine große Reformerzählung, argumentiert oft im Ungefähren, dosiert ihre Äußerungen genau, wartet ab und wechselt, wenn sich Stimmungen gefährlich verdichten, ihre Positionen mitunter radikal. Ihre plötzliche Entscheidung für den Atomausstieg ist ein Beispiel für eine neuartige, von Medienbildern bestimmte Turbo-Politik: Fernsehen und Online-Dienste lieferten in Echtzeit entsetzliche Bilder aus Fukushima, kündigten den Gau in Form eines Live-Tickers an - und innerhalb kürzester Zeit, mitten im Landtagswahlkampf, erfolgte die Ankündigung des Atomausstiegs. Wobei der damalige Umweltminister gerade noch behauptet hatte, es werde sich nach der Atomkatastrophe nichts ändern. Zwei Tage später war die Ansage Geschichte. Wie immer man diese Entscheidung bewertet, sie ist ein Paradebeispiel der gehetzten Politik.

Die Politik flüchtet in die vermeintliche Alternativlosigkeit von Entscheidungen, die Medien passen sich einem herrschenden Mainstream an. Gibt es für beide einen Ausweg?

PÖRKSEN: Ich sehe keinen. Es mag pessimistisch klingen, aber unser Buch handelt von einer Situation ungesunder Überhitzung, in der die politische Klasse getrieben erscheint und Medien sich in einem fortwährenden Kampf um Aufmerksamkeit überbieten. Allerdings - auch das lässt sich zeigen: Die alten und die neuen Medien sind äußerst wirksame Instrumente im innerparteilichen Machtkampf geworden, die einzelne Politiker geschickt anwenden. Aber auch das erhöht den Druck und die Anspannung, die für die ausgeruhte Konzeptentwicklung abseits des Nachrichten-Stakkatos nicht gut sein kann.

Sie machen den traditionellen Medien, zumal Zeitungen und Zeitschriften, Mut im Existenzkampf gegen die digitale Konkurrenz. Was kann Print besser als das Internet?  

PÖRKSEN: Das Netz ist unüberbietbar schnell, erlaubt die fortwährende Aktualisierung und die barrierefreie Kommunikation - im Extremfall vor einem Weltpublikum. Printmedien hingegen programmieren die Entschleunigung, sie erzwingen ein verlangsamtes Denken und ein am Grundsätzlichen orientiertes Schreiben - das ist ein großer Vorteil, eine Chance zur analytischen Einordnung: Was in der Zeitung von heute steht, muss den Tag oder die Woche über Bestand haben. Zeitungen sind, so würde ich sagen, die Medien des zweiten Gedankens.

Info Bernhard Pörksen, 44, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen. Nächste Woche erscheint sein - mit Wolfgang Krischke und Studierenden - verfasstes Buch "Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte". Halem-Verlag, Köln. 19,80 Euro.

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