Der Provokateur bleibt bei seinen Thesen

Gestern ist Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" in die Buchläden gekommen. Für seine provokanten Thesen bekam er nur wenig Unterstützung. Zwei Hauptkommissare berichten aus Neukölln.

Die vergangenen Tage waren turbulent für Thilo Sarrazin (SPD). Gestern war er nun in Berlin, um sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vorzustellen, wie es offiziell hieß. Doch eigentlich erklärte der Mann, der im Vorstand der Bundesbank sitzt, warum er das Buch, das für Unruhe im Land sorgt, schrieb. Der Andrang war groß, wohlgesonnen waren dem 65-Jährigen wohl die wenigsten. Was vor allem an seinen polemischen Äußerungen liegt, an seinen Verweisen auf die genetischen Faktoren der Intelligenz.

Sarrazin gab sich souverän, als er die Veröffentlichung seines "politischen Sachbuchs", wie er es nennt, begründete. "Ein Buch ist Arbeit, aber auch Risiko", ließ er die Anwesenden wissen, um gleich klarzustellen, dass er keine dienstlichen Obliegenheiten verletzt habe. "Illoyal war ich nie, aber unabhängig zu jeder Zeit", sagt Sarrazin. Dass er deswegen immer als schwierig empfunden wurde, ertrage er gelassen.

Der Ex-Finanzsenator attestiert Deutschland nicht nur einen massiven Geburtenrückgang. "Die Bevölkerung erfährt auch eine qualitative und kulturelle Veränderung." Der spärliche Nachwuchs verteile sich nicht gleichmäßig über alle Bildungsschichten, die Zuwanderung habe sich mehr und mehr auf bildungsferne Gruppen aus muslimischen Ländern konzentriert.

Zumindest eine Fürsprecherin hatte Sarrazin gestern: Die türkischstämmige Frauenrechtlerin Necla Kelek, die selbst immer wieder mit provokanten Thesen über die türkische Gemeinschaft in Deutschland in die Schlagzeilen gerät. "Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich über Deutschland den Kopf zerbrochen, um den er nun kürzer gemacht werden soll", sagte Kelek. Den Vorwurf, Muslime herauszupicken, weist Sarrazin von sich. Osteuropäische oder asiatische Einwanderer in der zweiten Generation gehörten zur Bildungselite. Einzelschicksale, das gibt Sarrazin zu, kenne er nicht, er arbeite nur mit Statistiken.

Zwei, die die Menschen sehr gut kennen, über die derzeit viel geredet wird, sind die Hauptkommissare Claus Röchert und Christian Horn. Leiter und stellvertretender Leiter der AG Integration und Migration der Polizeidirektion 5 in Berlin-Neukölln. "Gelesen haben wir Sarrazins Buch noch nicht und wir machen hier auch keine Politik", sagt Christian Horn, aber es sei gut, dass endlich eine Diskussion angestoßen sei. Die beiden Polizisten halten Kontakt zu über 100 Migrantenvereinen in Berlin. Erst am Freitag haben sie das Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan zusammen mit einem muslimischen Verband begangen. Bei solchen Zusammentreffen sei der Umgang respektvoll, die Themen, die angesprochen würden aber ernst.

Röchert und Horn dramatisieren nicht. Sie kennen die Realität, suchen aber den positiven Lösungsansatz. "Es ist ja schon schwer, von den Muslimen zu sprechen", so Röchert. Nicht alle Muslime seien kriminell, ein Großteil halte sich an Gesetz und Ordnung. Ja, Frauen hätten es schwer in muslimischen Großfamilien, Selbstbestimmung sei kaum möglich, das Thema Zwangsheirat sei bekannt. Es gebe auch die so genannten Friedensrichter, die vorbei an der deutschen Justiz als Streitschlichter fungierten. "So lange der deutsche Rechtsstaat dabei nicht verletzt wird, greifen wir nicht ein", sagt Horn. Würden Gesetze ignoriert, sei die Polizei vor Ort. "Es gibt klare Tendenzen hin zur Parallelgesellschaft, aber wir setzen in Deutschland auf Prävention", sagt Horn. In Frankreich habe man die migrantisch geprägten Vororte sich selbst überlassen, da gehe kein Polizist mehr rein. Migranten hätten in Deutschland zurecht immer mehr Mitwirkungsrechte gefordert und auch erhalten. Nun müssten sie auch Eigeninitiative erbringen. Die Polizei könne die Probleme nicht allein lösen.

Bildung ist in den Augen der beiden Hauptkommissare ein Knackpunkt für die weitere Entwicklung. "Während die jungen Musliminnen die Bildung nutzen, bleiben viele junge Muslims ohne Bildungsabschluss", sagt Röchert. Das sei die künftige Problemgruppe im Land. Beide glauben, dass Bildung die Integration fördert. "Und Arbeit", sagt Christian Horn. Die erste Generation türkischer Zuwanderer sprach sehr schnell sehr gut Deutsch, weil sie in den Arbeitsmarkt integriert waren. Heute fehle das integrative Element Arbeit oftmals.


Kommentare (3)

31.08.2010 19:31 Uhr |   Mollenhauer

Seltsam

heute konnte ich die Berichterstattung über Thilo Sarrazin in der "Neu-Ulmer Zeitung" und in der "Süd-West-Presse" verfolgen und vergleichen.

Nun weiß ich auch warum die SPD zu 33% an dieser Zeitung beteiligt ist.
31.08.2010 10:51 Uhr |   rosty

Sarrazin

Die Aussagen von Herrn Sarrazin, besonders was das " Juden- Gen " anbelangt macht mich nachdenklich. Hat er es gemeint wie die meisten es verstehen, bedarf es einer Klärung. In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch an folgendes erinnern :
Am 10.11.88 hielt der damalige Präsident des deutschen Bundestages anl. des 50 Jahrestages der Novemberprogrome im Bundestag eine Rede. Durch falsche Sprachlage und falscher Betonung enstand der Eindruck er distanziere sich nicht genug von den Taten der Nationalsozialisten. Er musste zurücktreten.

Ein Jahr später am 9.11.89 hielt Ignatz Bubis, Präsident des Zentralrats der Juden eine Rede in der er wörtlich Zitate von Herrn Jenninger übernahm. Er wollte damit demonstrieren daß Jenninger nich inhaltlich verkehrt, sondern nur wenig überzeugend vorgetragen hatte. Dieses Beispiel wird heute noch beim Studium der Sprachwissenschaften herangezogen.

Ging es Herrn Sarrazin auch so ?
31.08.2010 09:41 Uhr |   Danubius

Der Provokateur bleibt bei seinen Thesen

Hallo Frau Wendt,

in Ihren Artikel hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: Thilo Sarrazins Buch"Deutschland schafft sich ab" ist bereits seit rund einer Woche in Ulm verfügbar (nicht erst seit gestern) - hier hat die Recherche offenbar nicht richtig funktioniert.

Dass ihn die Polizei vor Ort und türkische Menschenrechtler in seinen Thesen unterstützen sollte unseren politischen Dummschwätzern aus Regierung, Parteien und Verbänden zu Denken geben und zum unverzüglichen Handeln aufrufen.

Den Überbringer schlechter Nachrichten medienwirksam zu töten ist zwar eine Lösung, jedoch löst dieser Schritt nicht unser bevölkerungspolitisches Problem.

Und Konzepte für eine erfolgreiche Integration? Siehe unter anderem auch Thilo Sarrazins Buch.

Herzlichst Danubius

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Autor: CHRISTINA WENDT | 31.08.2010

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