Der Papst soll es richten

Die katholische Kirche wandelt sich langsam. Zwar hat sich die Familiensynode auf ein Abschlussdokument geeinigt. Konkrete Lösungen für kontroverse Fragen bietet es nicht. Nun hat der Papst das letzte Wort. Mit einem Leitartikel von Bettina Gabbe: Familiensynode - Im Ungefähren.

BETTINA GABBE |

Die Bischofssynode über Ehe und Familie hat sich um eine neue positivere Sprache im Umgang mit Partnerschaften von heute bemüht. Wiederverheiratete Geschiedene gelte es so weit als möglich zu integrieren, empfehlen die Bischöfe aus aller Welt Papst Franziskus in ihrem 94 Punkte umfassenden Abschlussdokument. Wie dies geschehen soll, überlassen sie sicherheitshalber dem Pontifex. Andernfalls wäre die angestrebte breite Mehrheit bei der Abstimmung über das Schlussdokument nicht zustande gekommen. Sie soll Einheit demonstrieren. Als oberster Brückenbauer muss Franziskus nun Entscheidungen für die wachsende Anzahl von Familien treffen, deren Lebensumstände das Dokument vorsichtig als "komplexe Situationen" bezeichnet.

Eine Kirche, die nicht vornehmlich als Richter sondern als Helfer in schwierigen Lebenslagen wahrgenommen werden will, entspricht dem Wunsch des Papstes und des Münchner Kardinals Reinhard Marx nach einer Kirche mit offenen Türen. Ein Protestbrief von dreizehn Kardinälen über die Arbeitsmethode der Synode, hinter der sie Manipulation witterten, sprach dagegen die Sprache der Verschwörungstheorien, die Franziskus so sehr verabscheut.

Zu den Unterzeichnern des Briefs gehörte mutmaßlich auch der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Vor der Synode hatte er Möglichkeiten für einen Zugang wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ausgeschlossen.

Bei den Beratungen in der deutschen Kleingruppe zeigte der von seinen Gegnern als Hardliner verschriene oberste Glaubenshüter sich jedoch am Ende kompromissbereit. Ohne ihn hätte der deutsche Vorschlag für wiederverheiratete Geschiedene nicht einstimmig verabschiedet werden können. Die Zustimmung Müllers zu diesem Vorschlag war für viele die eigentliche Überraschung der Synode.

Wie groß die kulturellen Unterschiede zwischen den Bischöfen insgesamt waren, machte der afrikanische Kurienkardinal Robert Sarah deutlich. "Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus", sagte der Präfekt der Gottesdienstkongregation bei der Synode.

Die deutsche Sprachgruppe bat dagegen Homosexuelle und wiederverheiratete Geschiedene für das Leid, das die Kirche durch ihre harte Haltung in der Vergangenheit über sie gebracht habe, ausdrücklich um Vergebung. Sie zeigte Wege auf, wie wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen wieder zur Kommunion zugelassen werden können. Sie kritisierte Gegner von Reformen wie den australischen Kurienkardinal George Pell. Seine Behauptung, bei der Synode gehe es um die entscheidende "Schlacht" zwischen Bewahrern der katholischen Lehre und gefährlichen Reformern verurteilten sie offen als "falsch und verletzend".

Trotz aller, nicht immer fair ausgetragener Grabenkämpfe bei der Bischofsversammlung zogen die deutschen Synodenväter am Ende eine positive Bilanz. Die erwartete Enttäuschung in Deutschland über mangelnde Fortschritte bei der Anerkennung moderner Lebensrealitäten hatten sie dabei sehr wohl im Auge: "Im Rückblick hätten wir uns manches Mal mehr Mut gewünscht, sich intensiver mit den Realitäten zu befassen und sie als Zeichen der Zeit anzuerkennen, in denen Gott uns etwas sagen will." Für Kardinal Marx, den Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, und den Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, ist aber vor allem wichtig, anzuerkennen, "dass wir gelernt haben, uns auf andere Kulturen und Erfahrungen einzulassen". Noch am letzten Beratungstag hatte ein Synodenteilnehmer Homosexualität als Krankheit eingestuft. Eine solche Sichtweise als Ergebnis kultureller Unterschiede zu sehen, dürfte nicht allen leichtgefallen sein.

Im Vatikan war in den vergangenen Wochen der Eindruck entstanden, dass der Papst als oberste Autorität, die nach der Synode und ihren Konflikten als einzige Instanz Entscheidungen trifft, durch gezielte Störmanöver geschwächt werden sollte. Dazu gehörte ein Bericht über einen angeblichen Hirntumor des Papstes ebenso wie der auf Druck von Medien erfolgte Schritt eines Monsignore aus der vatikanischen Glaubenskongregation, der seine Homosexualität am Tag vor dem Beginn der Synode öffentlich machte. Unter diesen Umständen fanden zwar offenbar hitzige Debatten zwischen den Synodalen über Homosexualität statt. Das Abschlusspapier erinnert in diesem Zusammenhang jedoch nur noch daran, dass Gottes Liebe und Gnade "ohne Ausnahme" allen gelte. Eigentlich müsse man Mitleid mit den Betroffenen haben, klingt zwischen den Zeilen des Absatzes über die Notwendigkeit einer besonderen Begleitung von Familien mit Homosexuellen in ihrer Mitte durch.

Nach dem Ende der Synode steht die Kirche dort, wo sie vor anderthalb Jahren stand, also vor einer Befragung der Gläubigen in aller Welt zum Thema Familie und zwei Bischofsversammlungen. Dass deutsche Bischöfe anders mit Familien von heute umgehen als Kurienkardinäle aus Guinea, verwundert niemanden. Offen bleibt aber die Frage, ob es den Synodenprozess brauchte, wenn ohnehin allein der Papst Entscheidungen trifft.

Franziskus hatte vermutlich gehofft, dass es breitere Mehrheiten für eine Öffnung der Kirche gibt. Der bewusst vage Abschlussbericht der Synode deckt nun viele mögliche Papstentscheidungen ab, auch die von Franziskus gewünschte Dezentralisierung von Entscheidungen. Sie könnte Konservativen und Reformern Spielraum für die Umsetzung der je eigenen Interpretation der katholischen Lehre geben.

Veränderungsprozesse vollziehen sich in einer 1,2 Milliarden Menschen umfassenden Gemeinschaft nicht rasch. Die neue Offenheit, mit der die Bischöfe bei der Synode anders als bei früheren Zusammentreffen diskutierten, ist für viele bereits ein positives Ergebnis. Es dient dem Papst dazu, seine Entscheidungen auf eine breite Basis zu stellen. Kurz vor Ende der Synode hatte er die Teilnehmer gemahnt: "Die Zeiten ändern sich, und ein Christ ändert sich mit ihnen."

Die Beschlüsse

Die wichtigsten Ergebnisse der Familiensynode:

Wiederverheiratete: Die Bischöfe sprachen sich dafür aus, mehr Offenheit zu zeigen und den jeweiligen Einzelfall zu betrachten. Die Zulassung zur Kommunion wird aber nicht direkt angesprochen.

Homosexuelle: Das Abschlussdokument betont, Homosexuelle müssten mit Respekt behandelt und anerkannt werden.

Familie: Einig waren sich die Bischöfe, dass der Wert der Familie für die Gesellschaft und ihre Bedeutung in der Welt betont und positiv gesehen werden müsse.

Wilde Ehe: Die Situation von Paaren, die ohne Trauschein zusammenleben, wird im Schlussdokument angesprochen und nicht nur negativ gesehen.

Frauen: Die Synode würdigt die wichtige Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der Kirche wünscht sie sich zudem mehr Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse für Frauen.

Leitartikel von Bettina Gabbe: Familiensynode - Im Ungefähren

Prozesse sind für Papst Franziskus wichtiger als Ergebnisse. Doch was, wenn der Prozess nicht in die gewünschte Richtung geht? Die Befragung von Katholiken in aller Welt und zwei Bischofssynoden sollten gemeinsame Wege für einen neuen Umgang mit Familien ebnen. Nun muss Franziskus jedoch feststellen, dass der gemeinsame Nenner katholischer Bischöfe aus Europa, Asien, Afrika und Amerika eher klein ist. Von einer breiten Mehrheit für Antworten auf die Frage, wie die Kirche dem veränderten Familienbild von heute Rechnung tragen kann, keine Spur.

Der charismatische Erzbischof von Buenos Aires war im Bestreben nach einer Reform der vatikanischen Kurie zum Papst gewählt worden. Dazu gehört für Franziskus auch, wichtige Entscheidungen nicht allein im Vatikan zu treffen, sondern teilweise an die Bischöfe der einzelnen Länder zu delegieren. Um entsprechende Veränderungen durchzusetzen, erhoffte der Papst den Rückhalt vieler Bischöfe. Doch mehr Kollegialität bedeutet nicht nur Offenheit für unterschiedliche Auffassungen. Sie lässt auch großen Widerstand gegen die Reformagenda des Papstes zutage treten.

Dass Bischöfe aus unterschiedlichen Kulturkreisen in Fragen wie dem Umgang mit Homosexualität keine einmütigen Antworten geben würden, war zu erwarten gewesen. Entscheidungen bleiben nach der Synode allein dem Papst vorbehalten, daran hat auch Franziskus bislang nichts geändert. Wenn er die auch von seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. geforderte Kollegialität in der Kirchenführung umsetzen wollte, müsste er die Entscheidungsprozesse demokratisieren. Doch genau das vermeidet Franziskus. Die Synode sei kein Parlament, betont er. Es gehe auch nicht um Kompromisse.

Die katholische Lehre in ihrer Interpretation durch die Seelsorge an die heutige Zeit anzupassen, erfordert jedoch Kompromisse zwischen konservativen Hütern der Tradition und Hirten, die sich auf Geheiß des Papstes die Hände an der ungeschminkten Wirklichkeit schmutzig machen. Was immer Franziskus nach dem Ende der Synode entscheidet, er kann sich auf den Ausgang der Bischofsversammlung berufen. Dazu ist das Abschlussdokument mit den Empfehlungen der 270 Synodenväter allgemein genug gehalten. Dass es für manch Konservativen zu wenig auf unveränderbaren Lehren beharrt und für Verfechter von Veränderungen unverbindlich bleibt, enttäuscht Anhänger beider Gruppen. Das Ergebnis der Synode unterscheidet sich kaum von der Lage vor dem Beginn der ersten der beiden Familiensynoden vor einem Jahr. Verfeindete Lager stehen einander unversöhnlich gegenüber, auch wenn sie immer wieder die offenen Auseinandersetzungen unter den Bischöfen beschwören.

Für eigene Entscheidungen des Papstes vor dem Hintergrund weit auseinanderklaffender Meinungen hätte es keiner einzigen Synode bedurft. Allein die Umfrage unter Gläubigen machte die geringe Bandbreite der in der Weltkirche vertretenen Meinungen deutlich. Enttäuschungen wird es am Ende nach Entscheidungen ohnehin geben, auf der einen, der anderen oder gar auf beiden Seiten. Das Problem der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene allein dadurch zu lösen, dass die Entscheidung den Ortsbischöfen überlassen wird, dürfte Gegner von Reformen nicht beruhigen. Sie fürchten eine Protestantisierung der katholischen Kirche im Sinn demokratischer Prozesse, die die eigene Gemeinschaft jeder x-beliebigen anderen immer ähnlicher und damit bedeutungslos macht.

Der gemeinsame Nenner aller Bischöfe ist eher klein.

leitartikel@swp.de

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr