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Der Machtverlust schmerzt

Seit dem 27. März wissen CDU und FDP, dass sie die Macht verloren haben. Richtig weh tut es seit gestern, als der Grüne Winfried Kretschmann zum Regierungschef gewählt wurde - mit zwei Oppositionsstimmen.

BETTINA WIESELMANN | 0 Meinungen

Es ist eine seltene Mischung aus Verwirrung, ungläubigem Erstaunen, Trotz und Verärgerung, die sich bei der Bekanntgabe des Wahlergebnisses für Winfried Kretschmann auf den Gesichtern der 60 CDU- und sieben FDP-Abgeordneten spiegelt: Mindestens zwei Stimmen kamen für den ersten Grünen im höchsten baden-württembergischen Staatsamt aus den Reihen der neuen Opposition im Landtag. Der Erfolg für Grün-Rot wird so unerwartet zum Triumph erhöht. Geschlagen verlassen Schwarze und Gelbe die Stätte ihrer Niederlage.

"Diese Abstimmung ist der bisherige Tiefpunkt", gibt frustriert bis zum Anschlag der christdemokratische Ex-Staatsminister Helmut Rau zu Protokoll. Ein ehemaliges Kabinettsmitglied sucht nach einer freundlicheren Erklärung, spricht von der (unpolitischen) Möglichkeit, dass nach dem klaren Wählervotum im März vielleicht der eine oder andere Abgeordnete das Amt dem in Jahrzehnten gemeinsamer Landtagsarbeit zum Duzfreund gewordenen Kretschmann jetzt einfach gönnt und deshalb entsprechend abgestimmt hat. Zum Feiern mitten im Gros freudetrunkener Sieger ist freilich kaum einem Mitglied der alten Regierungskoalition zumute. Gewesene Minister beginnen während des Empfangs ihre kleinen Landtagsbüros einzuräumen.

Ab sofort gilt für sie, was Rau ganz nüchtern erkannt hat: "Man kann halt nicht mehr einfach auf die althergebrachten politischen Knöpfe drücken." Dem CDU-Generalsekretär Thomas Strobl fiel das Wort "Kulturschock" ein für die Verbannung von der Macht nach fast 58 Jahren. Die haben jetzt die "Vierteles-Parteien" inne, wie ein Abgeordneter mit Blick auf die Wahlergebnisse von den Grünen und der SPD ätzt.

Die politischere Spekulation, die gestern von Insidern ziemlich schnell angestellt wurde, geht anders. Ganz bewusst sei mit der Stimmabgabe für Kretschmann das Gift des Spaltpilzes in die offenen Wunden der CDU geträufelt worden. So wie 1996 dem damaligen Fraktionschef Günther Oettinger die erst im zweiten Anlauf geglückte Wahl des Ministerpräsidenten Erwin Teufel angelastet worden war, so soll jetzt die mangelnde Geschlossenheit der Fraktion mit Nach-Nachfolger Peter Hauk nach Hause gehen.

Wie gespalten die CDU ist, haben schon die fraktionsinternen Wahlgänge der letzten Wochen gezeigt. Wer aus dem Lager des bisherigen Regierungschefs Stefan Mappus, zu dem vornedran neben Rau Ex-Umweltministerin Tanja Gönner, aber auch Ex-Agrarminister Rudolf Köberle gezählt werden, antrat, wurde geschlagen: Nicht Gönner wurde, wie vom Noch-CDU-Vorsitzenden Mappus fast handstreichartig geplant, Fraktions- und Parteichefin, sondern Hauk kann sich auf eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Fraktion stützen. Als bisher einziger Kandidat für den Parteivorsitz steht nur Strobl zur Verfügung. Auch mit Landtagspräsident Willi Stächele, der gleich vier Gegenkandidaten hatte, siegte klar einer der früheren Oettinger-Gefolgsleute.

CDU-Abgeordnete berichten, dass der Umgang mit den Genannten "sehr schwierig" ist: Mappus grüße Kollegen kaum noch, "Gönner giftet". Alle vier eint, dass sie, wie manch andere Christdemokraten, den nur knapp verfehlten Wahlsieg - "zwischen Macht und Machtverlust lag doch nur etwas mehr als ein Prozent", klagt Köberle bitter - nicht zuletzt den Medien anlasten. "Mit denen rede ich nicht mehr", wird einer der Ex-Minister zitiert.

Ein bisheriger Kollege hält solch schlichte Schuldzuweisung für Quatsch: "Dazu gehören immer zwei." Mappus, der viele Fehler gemacht habe, sei hochfrustriert, dass mit ihm am Steuer "das Schiff auf die Klippen gesetzt wurde". Schlimm sei jetzt, dass auch das Parteischiff steuerlos schlingere. "Es ist keine Autoritätsperson mehr da."

Manche, wie der Abgeordnete Klaus Herrmann, trösten sich: "In fünf Jahren kommt die Abrechnung für das große Fiasko wie bei Rot-Grün im Bund." Ein Ex-Minister aber warnt vor dem Glauben an einen schnell verfliegenden "Anfangszauber". Mitnichten sehe er die CDU in fünf Jahren sofort wieder an der Regierung. "Vieles gärt unter der Decke." In den Städten habe die CDU geradezu dramatisch die Bindung zu den Bürgern verloren. Aber auch auf dem Land, "wo die Bauern ihre Scheunen mit Solaranlagen tapezieren", hinke die Partei, die auch im vorpolitischen Raum keine Alleinstellung mehr habe, dem Lebensgefühl hinterher, wenn sie es überhaupt erkannt habe. Fazit: "Grün-Rot kann sich nur selbst ein Bein stellen."

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