Dass es schlimmer wird, ist ein Märchen

Jugendgewalt ist deutlich seltener und auch weniger brutal als früher, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Dass die Menschen das Gegenteil glauben, liege an den Medien. Härtere Strafen seien unsinnig.

ROLAND MÜLLER |

Immer wieder sehen wir Bilder von prügelnden Jugendlichen. Wird die Jugend brutaler?

CHRISTIAN PFEIFFER: Nein. Dass Jugendgewalt zunimmt, ist eine Erfindung der Medien. In Wirklichkeit geht sie seit Jahren stabil zurück. Alle Forschungen zeigen: Es gibt keine Region in Deutschland, in der die Jugendgewalt in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Woher wissen Sie das so genau?

PFEIFFER: : Erstens zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik das seit 2007. Zweitens gibt es einen Bereich, in dem es kein Dunkelfeld gibt: Wenn Kinder und Jugendliche auf dem Schulweg oder in der Schule so verprügelt werden, dass sie in ärztliche Behandlung kommen, wird das lückenlos an die Unfallversicherungen gemeldet. Die Zahl dieser "Raufunfälle" ist seit 1997 um 40 Prozent gesunken, die schweren Fälle mit Krankenhausaufenthalt sogar um 50 Prozent. Die Dunkelfeldforschung bestätigt dieses Bild: Unser Institut macht seit 1998 Umfragen an Schulen über Jugendgewalt. Zuletzt haben wir 45 000 Jugendliche befragt. Ergebnis: Fast überall gibt es einen deutlichen Rückgang.

Die Polizei sagt dann oft, die Taten würden aber immer brutaler.

PFEIFFER: Das ist eine schöne Erfindung, wenn man Angst hat, dass Stellen gestrichen werden. Aber die nüchternen Fakten zeigen das Gegenteil. Gerade die allerschwersten Taten, etwa Tötungsdelikte und schwere Verletzungen, gehen stärker zurück als mittelschwere. Die These stimmt schlicht nicht.

Warum ist der Eindruck in der Öffentlichkeit ein ganz anderer?

PFEIFFER: Der Irrtum der Öffentlichkeit rührt daher, dass die gefühlte Kriminalitätstemperatur auf Basis von Medienberichten entsteht. Wenn uns jetzt plötzlich Überwachungskameras von U-Bahnhöfen grauenhafte Szenen in der Tagesschau vor Augen führen, glauben wir, die Welt wird immer brutaler. Die Bilder schaffen Emotionen - und das hat Folgen. 91 Prozent der Menschen in Deutschland glauben, Jugendgewalt nimmt zu, obwohl das Gegenteil wahr ist. Die Welt wird besser, sie wird friedlicher. Die meisten merken es nur nicht.

Was sind Ursachen für den Rückgang der Gewalt?

PFEIFFER: Ein Faktor ist von ganz zentraler Bedeutung: Die Gewalt in den Familien nimmt ab, also die Neuproduktion von Gewalt durch prügelnde Väter und Mütter. Wir haben gerade 11 500 Menschen dazu befragt. Bei den 31- bis 40-Jährigen wurden noch 54 Prozent als Kind geschlagen. Bei den 16- bis 20-Jährigen sind es nur noch 37 Prozent. Es gibt in den Familien weniger Hiebe - dafür aber mehr Liebe. Auch das können wir nachweisen.

Dennoch rufen Politiker nach härteren Strafen, zum Beispiel einem "Warnschussarrest" . . .

PFEIFFER: Das ist alles Unsinn, es erhöht nur die Kosten und die Rückfallgefahr. Hier ist der blanke Populismus zugange. Immer wenn etwas Schlimmes passiert, kommen diese Forderungen, damit das Volk beruhigt ist. Der Warnschussarrest ist die Prügelstrafe des Staates. Die Rückfallgefahr nach Jugendarrest beträgt etwa 65 Prozent. Wenn man einen Bewährungshelfer zugeordnet bekommt, liegt sie bei 50 Prozent. Alle Fachleute wissen: Unser Jugendstrafrecht ist in Ordnung. Man vermeidet Rückfälle, indem man behutsam und pädagogisch sinnvoll straft. Das eigentlich Skandalöse ist, dass die jungen Täter so lange auf ihr Urteil warten müssen.

Was Sie sagen, ist Konsens unter Experten. Wieso erhört man Sie nicht?

PFEIFFER: Die Inkompetenz kann sich in der Kriminalpolitik so austoben, weil jeder glaubt, er könne aus dem Bauch heraus entscheiden, was richtig ist im Strafrecht. In der Wirtschaftspolitik würde man sich mit dieser Haltung schnell blamieren. Ich bin aber optimistisch: Diese unsinnigen Forderungen gibt es seit 20 Jahren, passiert ist aber nie etwas. CDU und FDP etwa haben im Koalitionsvertrag eine Verschärfung des Jugendstrafrechts vereinbart. Es setzt aber keiner um, und das aus gutem Grund. Die Vernunft setzt sich allmählich durch.

Info Professor Christian Pfeiffer (67) ist Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover.

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