Das Meer ist bald leer
Verschmutzt und ausgeplündert - den Meeren droht der Kollaps. Immer mehr Tiere sind vom Aussterben bedroht. Jetzt sollen fünf gefährdete Arten stärker geschützt werden. Ein Fortschritt, aber keine Lösung.
Er kann Marathon laufen, aber auch auf Kurzstrecken hängt ihn keiner ab. Der Rote Tunfisch schwimmt unablässig kreuz und quer durch den Atlantik - von Westafrika nach Neufundland, von Norwegen nach Brasilien. Nimmt er Beute wahr oder ergreift die Flucht, beschleunigt er schneller als ein Porsche auf 70 und mehr Stundenkilometer. Trotz dieser Überlegenheit hat der Warmblüter keine Überlebenschance. Selbst vom Hubschrauber aus wird der Raubfisch harpuniert. Der Grund: Er gehört zu den begehrtesten Delikatessen, vor allem in Japan. Ein Kilo seines schmackhaften Fleisches bringt bis zu 800 Dollar. Ein erwachsenes Tier bringt im Schnitt eine Vierteltonne auf die Waage und das Fleisch mehr als 100 000 Dollar ein. Der Nachschub für edle Sushi-Restaurants muss rollen.
Im Atlantik steht der Bestand des Roten Thunfischs, der im Golf von Mexiko und im Mittelmeer laicht, kurz vor dem Aus. Zwar begrenzt die internationale Kommission zum Schutz der bis zu vier Meter langen Fische den Fang. Die Quoten lagen aber 2009 doppelt so hoch wie die Experten empfahlen. Dieses Jahr sieht es nicht anders aus. 13 500 Tonnen dürfen aus den Gewässern geholt werden. Wären es nur halb so viel, dann könnte das den Bestand sichern. Zudem werden 13 500 Tonnen illegal gefischt. Auf 15 Prozent vom einstigen Bestand ist die Tunfisch-Population im Atlantik geschrumpft.
Nun soll es ausgerechnet die 15. Artenschutz-Konferenz in Doha, der Hauptstadt des arabischen Emirats Katar, richten. Zwei Drittel der 175 Vertragsstaaten müssen zustimmen, um den ozeanischen Jäger zu schützen. "Das wird schwer", sagt Heike Vesper, Meeresschützerin beim WWF. "Die Widerstände sind groß, es geht um viel Geld."
Allein die auf diesen Fisch spezialisierte Flotte verfügt weltweit über eine Fangkapazität von jährlich 58 000 Tonnen. Erst gestern haben sich die EU-Staaten durchgerungen, für den Antrag Monacos zu votieren. Der Handelsstopp für die Fische soll aber erst 2011 beginnen. 60 Prozent der Fangquote sind bisher den Mitgliedsländern vorbehalten. "Das ist nur ein Minimalkonsens", schimpft Vesper.
Dabei geht es bei dieser Entscheidung nur um ein Symbol für den katstrophalen Umgang der Menschen mit den Meeresbewohnern. Den zerbrechlichen Ökosystemen, die einmal als unerschöpfliche Nahrungsquelle galten, droht in vielen Gebieten die völlige Zerstörung. Über die Flüsse eingeleitete Schwermetalle und Chemikalien setzen Fauna und Flora zu. Jährlich landen 6,4 Millionen Tonnen Plastikabfälle in den Ozeanen. Auf jedem Quadratkilometer Wasseroberfläche treiben bis zu 18 000 Stücke Kunststoffmüll. Drei Viertel aller kommerziell genutzten Fischbestände werden so sehr geplündert, dass sie deutlich zur Neige gehen. Schleppnetze hinterlassen auf dem Meeresgrund eine Mondlandschaft. Pro Kilo gefangenem Fisch gehen bis zu 20 Kilo Meerestiere zusätzlich ins Netz. Beifang heißt diese gigantische Verschwendung. Die am Ende der Nahrungskette stehenden Organismen trifft diese Entwicklung zuerst und besonders massiv.
Besonders der Hai braucht dringend Schutz. Für vier Arten soll deshalb nur noch ein kontrollierter Handel zugelassen. Besonders bedroht ist der Dornhai. Im Nordatlantik ist sein Bestand um 95 Prozent zurückgegangen. In erster Linie verspeisen die Europäer die bis zu 1,20 Meter langen Tiere. Als Schillerlocken, Seeaal oder in Großbritannien als "Fish & Chips" kommen sie auf die Speisekarten.
Der Heringshai gilt im Mittelmeer als vom Aussterben bedroht und im Nordwestatlantik als stark gefährdet. Unter Phantasienamen wie See-Stör oder Kalbfisch landet er in Pfannen und Töpfen. Auch der Verkauf der Weißspitzen-Hochseehaie und der Bogenstirn-Hammerhaie soll künftig kontrolliert werden. Ihnen schneiden die Fänger nur die großen Rückenflossen ab und lassen sie dann frei. Sie verenden qualvoll. Vor allem in China ist Haiflossensuppe eine beliebte Delikatesse.
"Kommen die Anträge durch, wäre dies immerhin ein ganz bescheidener Erfolg für die gejagten Jäger", sagt Gerhard Wegner vom internationalen "Shark-Projekt". Rund 200 Millionen der Knorpeltiere werden jedes Jahr getötet. Da wundert es einen fast, dass nur 100 der 500 Haiarten stark vom Aussterben bedroht sind. Und warum soll man Superräuber schützen? "Haie stehen an der Spitze der Nahrungspyramide. Fehlen sie, vermehren sich die kleineren Raubfische und fressen alle anderen. Am Ende bewegt sich keine Flosse mehr", erklärt Wegner, der sich für den Meeresschutz einsetzt. Haie seien die Gallionsfigur dafür.
Beim Schutz setzt er nicht in erster Linie auf die Politik, sondern auf die Verbraucher. Ein Grund für den Verzicht auf Hai: "Das Fleisch und die Knorpel sind extrem mit Quecksilber belastet."
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Autor: MARTIN HOFMANN | 12.03.2010
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