Dann rollten die Bulldozer

Israelische Bulldozer haben Teile der palästinensischen Begegnungsstätte "Tent of Nations" plattgemacht. Dabei genießt das Projekt internationalen Respekt. Israel stört sich seit Jahren daran.

ELISABETH ZOLL | 2 Meinungen

"Das hätte ich denen nicht zugetraut." Rupert Neudeck, Gründer der Nichtregierungsorganisation Grünhelme, ist entsetzt. "Kein Platz in der von Israel besetzten C-Zone im Westjordanland stand so stark unter deutschem Schutz wie das Anwesen von Daoud Nassar." Das Kanzleramt hielt ein Auge auf das Grundstück, der deutsche Botschafter in Israel und nicht zuletzt viele Kirchengemeinden im deutschsprachigen Raum. Denn Daoud Nassar, ein 44-jähriger Palästinenser, arbeitet auf dem einzigen nicht von israelischen Siedlern besetzten Hügel zwischen Bethlehem und Hebron an einem Projekt, von dem es nicht viele gibt in der explosiven Region.

"Wir weigern uns, Feinde zu sein" steht auf einem Stein am Eingang von "Tent of Nations" (Zelt der Völker). Die Familie Nassar hat ihr 42 Hektar großes Gelände ganz in den Dienst der Versöhnung gestellt. Menschen vieler Nationalitäten und aller Religionen treffen sich hier - auch Rabbiner aus den USA und aus Israel, sofern es ihnen gelingt, Blockaden und Checkpoints zu überwinden. "Das ist ein Leuchtturm", sagt Rupert Neudeck. "Die Menschen bekommen dort eine Idee davon, dass es so und nicht anders sein müsste." Die Grünhelme haben auf dem Gelände der Familie Nassar in den vergangenen Jahren eine kleine Solaranlage errichtet und helfen beim Aufbau eines Ausbildungszentrums.

Wen sollte das stören? Am Montag rollten israelische Bulldozer an, walzten 1500 Weinstöcke, Apfel- und Aprikosenbäume nieder. Ob sie von radikalen Siedlern gefahren wurden oder der israelischen Armee ist noch ungewiss. Doch was auf diesem trockenen Land mühselig über Jahrzehnte gehegt wurde, ist jetzt zerstört. Wieder einmal. Auf dem 950 Meter hohen Hügel, neun Kilometer entfernt von Bethlehem, stehen sich wie in biblischen Zeiten David und Goliath gegenüber, beziehungsweise die arabische Familie Nassar und der israelische Staat.

Daoud Nassar besitzt etwas, das in Palästina einem Sechser im Lotto gleicht: Eine Besitzurkunde für sein Land, das der Großvater 1916 noch unter dem Sultan im Osmanischen Reich erworben hat. Dem historischen Stempel auf dem wertvollen Dokument folgten im Laufe der Zeit britische, jordanische und sogar israelische Beglaubigungen. Sicherheit gibt das der palästinensischen Familie jedoch nicht. Mit einem Krieg der Paragrafen und der Bürokratie versucht Israel unter dem Anschein eines Rechtsstaates Recht ins Unrecht zu versetzen.

"Wir kämpfen um diesen Weinberg seit 1991", sagte Daoud Nassar bei einem Besuch vor Jahren. Immer wieder wurde die Familie vor Gericht gezerrt. Mal entzündete sich der Streit an einer Hundehütte, für die es keine Baugenehmigung der Militärbehörde gab, mal störte eine Betonplatte zur Abdeckung der Zisterne. Das Unheil kündigt sich nicht selten mit Schriftstücken an, die auf das Grundstück geworfen werden. Erst 2012 versuchte die israelische Militärbehörde, alle Arbeiten auf Teilen des Grundstückes zu verbieten, weil diese Flächen zu Staatsland erklärt worden seien. Den Schreiben folgen langjährige Prozesse. Weit über 100 000 Euro musste die Familie für die vielen Verfahren bisher aufbringen, Geld, das sie nicht hat. Ohne internationale Unterstützung hätte sie sich im Grundstücksstreit ergeben müssen.

Doch Daoud Nassar will nicht weichen. Der Familiengrund bedeutet ihm viel: "Ich kann doch meine Mutter nicht verkaufen." Dabei hatte es an Kaufangeboten nicht gefehlt. Hohe Beträge wurden ihm geboten, Ausreisevisa für die Familie, ein Blankoscheck. Der Handel würde keinen Frieden bringen.

Wenn die Familie Nassar geht, ist das benachbarte, mehrheitlich von Muslimen bewohnte Dorf Nahalin ganz von israelischen Siedlungen umzingelt. Vermutlich werden sich dann dort Blockaden und Repressionen mehren. "Seit Jahren beobachten wir eine furchtbare Brutalität der israelischen Siedler", sagt Rupert Neudeck. Es gebe viele willkürliche Attacken der radikalen "Hügeljugend", die gut organisiert seien.

Daoud Nassar fühlt sich dem Erbe seines Vater verpflichtet. Von ihm hat er die Idee eines privaten Friedensprojekts übernommen. Es sollte die alte Rechnung Auge um Auge, Zahn um Zahn beenden. "Wir wollen Palästinensern zeigen, dass es anders geht."

Für das Vorhaben braucht der in Beit Dschala geborene Mann, der in Österreich zur Schule gegangen ist und in Bielefeld Tourismusmanagement studiert hat, starke Nerven. Als sich israelische Behörden weigerten, das kleine Haus auf dem Hügel mit Wasser zu versorgen, reaktivierte die Familie eine alte Zisterne. Und als ihr auch der Anschluss an die Stromversorgung untersagt wurde, setzte Daoud Nassar mit deutscher Hilfe auf Solar.

Doch einfach ist dieser friedliche Widerstand nicht. Daoud Nassar vergisst nicht, wie vor Jahren in seinem Weinberg auf einen Schlag 1500 uralte Olivenbäume zerstört wurden. Der Schaden war immens. Noch schwerer war der psychische Schmerz. "Was wollt ihr hier zwischen Juden und Muslimen. Beide mögen euch nicht", hatten wütende Siedler den Nassars immer wieder zugeschrien.

Die Zornausbrüche sind in den vergangenen Jahren noch massiver geworden. Israel beansprucht immer mehr palästinensisches Land für sich. Nicht nur in Jerusalem werden im Rekordtempo immer neue Wohnungen erstellt. Nicht-Juden geraten im Heiligen Land immer mehr in Bedrängnis. Von den rund 180 000 Christen, darunter 120 000 arabischsprachige wie die Familie Nassar, erwägen immer mehr, das Heilige Land zu verlassen. 62 Prozent der Christen in Jerusalem hätten den Wunsch auszuwandern, hielt der palästinensische Soziologe Bernard Sabella jüngst als Ergebnis einer aktuellen Studie fest. Zu zermürbend seien die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten, die schlechte politische Lage, die wirtschaftliche Situation sowie die israelischen Repressionen, die den Alltag palästinensischer Christen belasten.

Daoud Nassar will von alldem nichts wissen. Noch hofft er auf ein friedliches Miteinander. Und wird darin zum Teil auch von jüdischer Seite bestärkt. Als aggressive Siedler wieder einmal 250 Olivenbäume zerstörten, reagierten europäische "Juden für Gerechtigkeit für Palästina". Sie kauften Setzlinge und pflanzten diese mit der palästinensische Familie in deren Weinberg ein.

Westjordanland

Umstritten Der Hügel von "Tent of Nations" liegt im von Israel besetzten Westjordanland. Dieses wurde Anfang der 1990er Jahre aufgeteilt in A-Gebiete (18 Prozent), B-Gebiete (20 Prozent) und C-Gebiete (62 Prozent). "Tent of Nations" liegt im C-Gebiet, das fast vollständig unter israelischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung steht. eb

SWP

2 Kommentare

07.06.2014 09:40 Uhr

Nicht sauber recherchiert

Schon im Dezember 2012 bestimmte ein Gericht, dass die Familie Nassar keinen Anspruch auf das Land erheben könne, wo seit 2006 (!!!) Bäume gepflanzt worden sind.
(Die Gerichte in Israel sind unabhängig, wie sie schon vielfach unter Beweis gestellt haben)

Die widersprüchlichen Zahlen zu den entwurzelten Bäumen, die zwischen 300 (per Luftaufnahmen nachgewiesen) und behaupteten 1.500 schwanken. Nach Ihrem Artikel besitzt Nassar 42 Hektar Land.
Gemäß einer Grundbucheintragung bei den Briten vom 22.10.1924 gehören der Familie aber nur 200 Dunam, was etwa 20 Hektar entspricht. (eine Fotokopie des Auszugs aus dem britischen Grundbuchverzeichnis ist verfügbar).
Im übrigen verweise ich auf folgenden Text:
https://www.facebook.com/johannes.gerloff/posts/637408819660518?notif_t=like

Sie täten viel für den Frieden im Land, wenn Sie nicht so einseitig Schuldzuweisungen aussprächen, sondern die alte Regel beherzigen würden "Audiatur et altera pars". Offensichtlich wissen Sie aber auch so, dass die Israelis immer an allem Schuld sind.
Und was die Christen betrifft, die das Land verlassen wollen, so sind das arabische Christen in den palästinensisch verwalteten Gebieten. Nur im Staat Israel, als einzigem Land im Nahen Osten können die Christen ohne Behinderungen leben.
Natürlich gibt es auch in Israel Übergriffe auf Christen, aber das sind Übergriffe von Einzelpersonen, nicht des Staates. Aber die erlebe ich als Christ auch in der Bundesrepublik Deutschland.

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22.05.2014 13:48 Uhr

Dann rollten die Bulldozer

Hohe Anerkennung und Dank für den Bericht über die Zerstörung von Weinbergen und Bäumen der Familie Nassar auf Tent of Nations (Zelt der Nationen) zwischen Bethlehem und Hebron. Ich war noch in der Woche vorher, am 12. Mai 2014, mit einer Reisegruppe aus der Gegend zwischen Crailsheim und Bad Mergentheim bei der Familie. Wir bewunderten deren mutigen Widerstand gegen die oft recht willkürlichen Einschränkungen der israelischen Militärverwaltung und spendeten - wie schon viele Besucher vor uns - für die Anpflanzung von Weinstöcken und Olivenbäumen in "Dahers Weinberg". Nun lese ich am Tag der Rückkehr von unserer Israel/Palästina-Reise, von dieser brutalen böswilligen Zerstörung von ca. 1500 Weinstöcken und Obstbäumen auf der von uns bestaunten Anlage der Familie Nassar durch israelische Bulldozer. Das tut mir in der Seele weh! Wann endlich wird solchen Treiben Einhalt geboten?
Ich habe durchaus Verständnis für das Bemühen Israels sein Land und das Leben seiner Bewohner zu schützen und abzusichern. Das sollte aber doch "um Himmels willen" nicht auf diese Art und Weise und mit solchen unzivilisierten Methoden geschehen.

Willi Mönikheim, Pfarrer i.R., Bad Mergentheim

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