Dampfwolke als Krankheitsquelle

Die Zunahme an Legionelleninfektionen in Ulm und Neu-Ulm können die Behörden bisher nicht schlüssig erklären. Der Erregerherd für die Erkrankungen ist nach wie vor nicht gefunden. Er könnte unbekannt bleiben.

Die Ursache für eine auffällige Zunahme von Legionelleninfektionen in den Nachbarstädten Ulm und Neu-Ulm seit Anfang vergangener Woche gibt den Gesundheitsbehörden Rätsel auf. In der Regel ziehen sich Menschen Legionelleninfektionen in Gemeinschaftseinrichtungen zu, in denen große Mengen warmes Wasser gespeichert und verwendet werden (siehe Info-Box). Außer Schwimmbäder gelten auch Alten- und Pflegeheime als Orte mit Infektionsherden. Im aktuellen Fall kommt dies allerdings nicht in Frage. Alle bisher Infizierten wohnen oder arbeiten zwar in Ulm, ansonsten gibt es jedoch keinen gemeinsamen Nenner. Wie Patientenbefragungen der Uni-Klinik ergaben, hatten mehrere Erkrankte in der Zeit vor der Ansteckung nicht einmal ihre Wohnung verlassen. Das Gros der Infizierten ist älter als 60 Jahre.

Die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) haben in den vergangenen Tagen umfangreiche Trinkwasserproben genommen - auch von den Hausanschlüssen betroffener Patienten. Zwar werden die Ergebnisse der Laboruntersuchungen frühestens am 15. Januar vorliegen, weil der Nachweis von Legionellen im Wasser nur mit großem Zeitaufwand zu führen ist; schon jetzt aber halten Experten das Trinkwasser für unbedenklich. Der Grund: Das von den SWU bereitgestellte Wasser hat eine Temperatur von acht bis zehn Grad. Legionellen benötigen aber 25 bis 30 Grad, um sich vermehren zu können; erst in hoher Konzentration können sie Schaden anrichten. "Wir vermuten die Infektionsquelle deshalb auf Kundenseite", sagt Wolfgang Rabe, Geschäftsführer der SWU-Netze.

Ins Visier der Gesundheitsbehörden sind deshalb seit dem Wochenende größere Einrichtungen im Stadtgebiet von Ulm geraten, die auf ihren Dächern oder Grundstücken Nasskühlsysteme oder Kühltürme installiert haben. Damit kommen alle Betriebe, Kaufhäuser oder Behörden mit Klimaanlagen in Frage, ebenso Industriefirmen mit Kühl- oder Trockenhallen. Dort, so die Hypothese der Gesundheitsämter, könnte sich zum Jahresbeginn eine bakterienverseuchte Dampfwolke gebildet haben und dann vom Wind durch die Stadt getragen worden sein. Wie Doris Reick vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg ausführte, können derartige Wolken mehrere Kilometer weit durch die Luft ziehen, bevor sie sich auflösen. Reick betonte zudem, dass Legionellen auch bei Minustemperaturen über einen längeren Zeitraum überleben können. "Die Bakterien brauchen zwar 25 bis 30 Grad, um sich zu vermehren, halten sich dann aber unter Umständen mehrere Tage in der Kälte."

Ein mit Kameras bestückter Polizeihubschrauber hatte deshalb am Sonntag mehrere Stunden lang die Stadtgebiete von Ulm und Neu-Ulm überflogen und Aufnahmen von Nasskühlanlagen auf Dächern gemacht. Weil es mehr als Dutzende solcher Anlagen gibt, die zudem nicht meldepflichtig sind, bitten die Behörden nun dringend um die Mithilfe der Betriebe. Sie wurden aufgefordert, sich mit den Gesundheitsbehörden in Verbindung zu setzen.

Es sei möglich, dass die Infektionsquelle nie ermittelt werde, sagte Reick. Die Dunstwolke könne eine einmalige Erscheinung gewesen und die verursachende Anlage längst schon wieder gereinigt sein. Gleichwohl haben Mitarbeiter der Gesundheitsämter gestern mit der Entnahme von Proben in den in Frage kommenden Betrieben begonnen. Ein Großteil davon wird in den Labors der Landeswasserversorgung in Langenau (Alb-Donau-Kreis) aufbereitet. Doch dürften noch acht bis zehn Tage ins Land ziehen, bis Ergebnisse feststehen.

Grund zur Panik sei nicht angebracht, heißt es im Landratsamt in Ulm. "Die Suche nach der Infektionsquelle gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, aber wir haben momentan keine andere Möglichkeit", sagte Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner.

Die Legionärskrankheit tritt in Deutschland selten auf. 2008 registrierte das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) 522 gemeldete Fälle. Erkrankungen müssen der Bundesbehörde seit 2001 gemeldet werden. Die Dunkelziffer der Erkrankungen liegt weit höher. Das RKI schätzt, dass Legionellen etwa 20 000 der 500 000 Lungenentzündungen (Pneumonien) verursachen.


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Autor: CHRISTOPH MAYER | 12.01.2010

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