Betrug mit alten Kleidern

Der Handel mit Altkleidern ist so lukrativ, dass sich legale und illegale Sammler die Ware streitig machen. Überall im Südwesten stehen nicht angemeldete Sammelcontainer. Oft ist unklar, wer dahintersteckt.

PETRA WALHEIM |

Das Frühjahr ist die ideale Zeit, um den Kleiderschrank auszumisten. Sobald der Frühling kommt - wenn er denn mal kommt -, gehen Frau und auch Mann gerne auf Shopping-Tour und decken sich mit der aktuellen Mode ein. Doch vorher muss im Schrank Platz geschaffen werden. So landen zerschlissene Jeans, verwaschene T-Shirts, ausgeleierte Pullis und Schuhe, oft aber auch gut erhaltene Klamotten im Kleidersack. Der wird im nächsten Altkleider-Container versenkt. "Viele Leute achten gar nicht darauf, in was für einen Container sie ihre Kleidersäcke werfen", sagt Ralf Maier-Geißer, Leiter der Abteilung Stadtrecht bei der Stadt Stuttgart.

Diese Unachtsamkeit machen sich immer mehr illegale Sammler zunutze. Seit Monaten stellen sie überall in Baden-Württemberg an ständig wechselnden Standorten nicht angemeldete Altkleider-Container auf. "Die sehen meistens genauso aus wie die von den Wohlfahrtsverbänden und Textilverwertern, die legal sammeln", sagt Maier-Geißer. Mit dem einen entscheidenden Unterschied, dass auf den illegalen Containern oft weder eine Firmenadresse noch eine Telefonnummer und auch sonst keinerlei Informationen stehen, was mit der Kleidung geschieht.

Das 2012 novellierte Kreislaufwirtschaftsgesetz schreibt jedoch vor, dass jeder, der Sammelcontainer auf öffentlichen Flächen aufstellt, diese beim Kreis oder in der Kommune anmelden und belegen muss, dass deren Inhalt sachgerecht entsorgt wird. Die illegalen Sammler sparen sich das und dazu noch die Gebühr, die zu entrichten ist. Sie stellen die Container auf, seit neuestem auch immer mehr billige Holz-Container, leeren sie regelmäßig und wechseln nach einigen Tagen den Standort. Damit versuchen sie, der Kontrolle durch Kommunen zu entkommen.

Das gelingt immer seltener, denn die Menschen sind aufmerksamer geworden. Die Stadt Stuttgart hat ihre Bürger über die illegalen Container informiert und dazu aufgerufen, sie sofort zu melden, sobald einer entdeckt wird. "Das funktioniert immer besser", freut sich Maier-Geißer. Das weitere Prozedere hängt davon ab, ob auf den Containern Adressen oder Telefonnummern stehen. "Wenn eine Adresse draufsteht, schreiben wir die Firma an und fordern sie auf, den Container zu entfernen", sagt der Abteilungsleiter. Das sei aber die Ausnahme. Manchmal stehe eine Telefonnummer drauf. Der Anruf lande dann aber meist auf einem Anrufbeantworter. Einen Rückruf gebe es nicht. "Die Container, deren Herkunft unklar ist, behandeln wir wie herrenlose Sachen", sagt Maier-Geißer. Der Bauhof sammle sie "blitzartig" ein und verwahre sie mitsamt Inhalt. Allein in diesem Jahr haben die Mitarbeiter schon 81 Container einkassiert. Vor zwei Jahren waren es im ganzen Jahr so viele, im vergangenen Jahr 160.

Im ganzen Land sind die Kommunen damit beschäftigt, der illegalen Container Herr zu werden. Die Stadt Heilbronn hat bislang 13 Behälter eingesammelt. Im Bodenseekreis hat eine Berliner Firma, die bundesweit bekannt ist, illegal 30 Container aufgestellt. Der Landkreis fordert von der Firma, die Behälter "unverzüglich" zu entfernen. Geschieht das nicht, wird die Kreisverwaltung sie mitsamt Inhalt entfernen. Es gibt kaum eine Region im Land, in der noch keine unangemeldeten Container aufgetaucht sind.

Das lässt vermuten, dass das Geschäft mit den aussortierten Klamotten lukrativ ist. Maier-Geißer bestätigt das: "Die Nachfrage ist groß." Das treibe den Preis nach oben. Nach seinen Recherchen gibt es drei Wege der Verwertung: Gut erhaltene und hochwertige Kleidung wird an Second-Hand-Läden in ganz Europa verkauft. Noch tragbare Kleidung wird zum großen Teil zu Ballen gepresst und nach Osteuropa und Afrika transportiert. "In Afrika hängen an diesem Markt mindestens 100 000 Arbeitsplätze dran", weiß Maier-Geißer. Die Kleidung werde auf den Märkten nicht nur verkauft, sondern dem Käufer passend an den Leib geschneidert. Jeder Händler habe deshalb eine Änderungsschneiderei. Nicht mehr tragbare Kleidung wird geschreddert und zu Dämmstoff verarbeitet. Auch das bringt gutes Geld.

Das bestätigt Kim Schmiemann von der Textilverwertungsfirma Toptex in Salzgitter. Die arbeitet mit einer großen Supermarkt-Kette zusammen. Auf deren Parkplätzen stehen meist blaue Altkleider-Container ohne große Aufschriften, zwei davon in Villingen-Schwenningen. Ein Aufkleber auf dem Behälter informiert, dass die Kleidung für die Textilrecycling-Firma Thomas Doll in Heilbronn gesammelt wird. Die gehört zu Toptex. In deren Sortierwerk in Salzgitter werden täglich 100 Tonnen Altkleider verarbeitet. Dass immer mehr illegale Container im Umlauf sind, bekommt auch Toptex zu spüren. Zum Teil lande in den Behältern der Firma nur noch die Hälfte des bisherigen Materials, sagt Schmiemann. Deshalb geht Toptex rigoros gegen illegal auf den Supermarkt-Flächen aufgestellte Behälter vor. "Sobald ein Container auftaucht, wird er sofort entfernt", betont Schmiemann.

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) muss Verluste hinnehmen. Die Hilfsorganisation hat bundesweit 25 000 Altkleider-Container aufgestellt und sammelt jährlich 80 000 bis 100 000 Tonnen Altkleider. 4000 bis 5000 Tonnen davon werden in den 700 Kleiderkammern direkt an bedürftige Menschen weitergegeben. Der Rest wird verkauft. Nach Auskunft von Udo Bangerter, Sprecher des DRK-Landesverbands Baden-Württemberg, können derzeit pro Tonne Altkleider 300 bis 400 Euro erzielt werden. 2011 hat das Deutsche Rote Kreuz nur über den Altkleiderverkauf zwölf Millionen Euro erwirtschaftet, die in soziale Projekte geflossen sind. "Durch die Konkurrenz haben auch wir Verluste", sagt Bangerter. Konkurrenten sind die illegalen Sammler, aber auch Textilunternehmen wie H&M, die seit neuestem in ihren Shops alte Kleidung annehmen und den Kunden beim nächsten Einkauf Rabatte gewähren.

Um dem "Wildwuchs" einen Riegel vorzuschieben, gehen erste Kommunen neue Wege. So arbeitet die Stadtverwaltung Heilbronn derzeit an einem städtischen Sammelsystem mit einheitlichen Containern für Altkleider. Es soll die gewerblichen Sammlungen ablösen und so die Zahl der illegalen Container verringern. Die Einnahmen aus den Alttextilien und Schuhen sollen die Abfallgebühren stabilisieren.

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