Aus Skandalen nichts gelernt

Die großen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre gingen auf verunreinigte Futtermittel zurück. Deshalb fordern Experten mehr Kontrollen. Woher das Dioxin im aktuellen Fall stammt, ist immer noch unklar.

"Das Thema Dioxin in Lebens- und Futtermitteln ist uralt", sagt Oskar Riedinger. Den Tierhygiene-Experten, der früher an der Uni Hohenheim tausende Futtermittelproben untersuchte, wundert sich über die mit dem Gift belasteten Eier, Geflügel und Schweine gar nicht. Keine Frage, der Fettverarbeiter Harles und Jentzsch im niedersächsischen Uetersen hat absichtlich Industriefette ins Mischfutter gemixt.

Doch nur sieben Monate liegen zwischen diesem und dem letzten Dioxin-Skandal. Mitte Mai sperrten die Behörden zahlreiche Höfe in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Bio-Eier enthielten zu viel Dioxin. Große Lebensmittelketten nahmen belastete Produkte aus den Regalen. Ursache: Über "Bio-Mais" aus der Ukraine gelangte der Giftstoff in Eier und Masthähnchen.

Riedinger stimmt deshalb mit der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch überein: Alle großen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre gehen auf verunreinigte Futtermittel zurück - vom Rinderwahnsinn über das krebserregende Nitrofen, ein Gift aus einem Pflanzenschutzmittel, bis hin zu Dioxin.

Woher der Giftstoff in dem Futterfett stammt, darüber streiten die Experten noch. Dioxine entstehen vor allem bei Verbrennungsprozessen über 300 Grad Celsius. Bei 900 Grad zerfällt die Chemikalie. Foodwatch meint, es könne auch aus Rückständen des Pilzgiftes Pentachlorphenol (PCP) kommen. Allerdings sind Produktion, Vertrieb und Verwendung von PCP in Deutschland seit Ende 1989 verboten. Auch die EU untersagte die Verwendung des Fungizids. Die Vermutung: Wenn das Futterfett aus der Biodieselproduktion herrührt, könnte das Öl aus Südamerika oder Indonesien importiert worden sein. Dort wird PCP noch gespritzt.

Peter Fürst vom Chemischen Untersuchungsamt in Münster kann die These nicht bestätigen. Die Analyse der Proben müsse anders aussehen. Dioxin steht für eine Stoffgruppe. Es tritt als Gemisch auf. Für Lebensmittelchemiker Fürst ist die Zusammensetzung des Gifts neu: "Dieses Muster habe es bisher nicht gegeben." Foodwatch bleibt bei seiner These. Quelle sei eine Chlorphenolverbindung, ein Fungizid.

Für Riedinger ist nicht so wichtig, dem Pfad des Giftes nachzuspüren, sondern dass die Politik endlich aus den Futtermittel verursachten Skandalen lernt, die Verbraucher verunsichern und Landwirte massiv schädigen. Der CDU-Umweltpolitiker ärgert sich über Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die auf Vorschläge der Industrie warten will. "Das ist doch Quatsch", schimpft der Reutlinger. "Wir brauchen ein Qualitätsmanagementsystem in der Futter- und Lebensmittelindustrie. Sonst hören die Skandale nie auf." Er fordert, dass alle Rohstoffe, die zu Nahrung für Tiere und Menschen verarbeitet werden, vorher einer Kontrolle zu unterziehen sind. "Das muss, wenn nicht international, so wenigstens in der EU erfolgen - unter staatlicher Aufsicht." Der Handel mit Fett erfolge längst global. "Da ist eine Mafia am Werk." Deshalb müssten Verunreiniger auch empfindlich bestraft werden.

Foodwatch verlangt ein ähnliches Regime. Hersteller müssten gesetzlich verpflichtet werden, alle Rohstoffe auf Dioxin zu prüfen. 70 Millionen Tonnen Futtermittel würden jährlich in Deutschland mehr als 100 Millionen Hühnern, Puten, Enten und Gänsen, 26 Millionen Schweinen und 13 Millionen Rindern in die Tröge geschüttet. Ihr Einkauf mache in der Geflügelmast etwa die Hälfte, in der Schweinemast zwei Drittel der Produktionskosten aus. Da geht es um viel Geld. Wollten Landwirte diese Kosten niedrig halten, müssten sie günstig nährstoffhaltiges Futter einkaufen.

"Wenn der Gesetzgeber mehr Eigenkontrolle der Betriebe will, muss der Staat diese stärker kontrollieren", sagt auch Eckhard Benner von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Außerdem müsse die Frequenz staatlicher Kontrollen höher liegen, was bisher an zu wenigen Lebensmittelprüfern scheitert. In Deutschland sind es rund 2500, so viele wie schon vor knapp sechs Jahren. Auch der Verbandschef der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller, sagt, dass 1200 Kontrolleure fehlen.

"Und nicht nur die Endprodukte, auch die Zutatenströme müssten kontrolliert werden", pflichtet Benner Foodwatch-Chef Thilo Bode und Riedinger bei. Den Vorschlag, jede Zutaten-Charge, die bei Futtermittelherstellern verarbeitet wird, zu prüfen, hält er für gut, aber sehr aufwendig. "Zumindest sollte der Hersteller von jeder Charge eine Probe aufbewahren, auch für spätere staatliche Kontrollen."

Riedinger entgegnet: "Da ist das Kind doch schon in den Brunnen gefallen." Foodwatch meint zum Aufwand, "die Kosten für Futtermittel schlagen sich im Verbraucherpreis nur mit zehn Prozent nieder". Durch Analysen würde Nahrung nicht teurer. Die tödliche Wirkung von Dioxin stellt sich erst bei sehr hohen Mengen ein. Doch das Gift reichert sich im Fettgewebe an und bleibt dort 7 bis 20 Jahre. "Keiner weiß, wann eine Zelle dann nicht mehr so funktioniert, wie sie soll", sagt Riedinger. Deshalb dürften Gifte nicht zusätzlich in die Nahrung gelangen. Die unvermeidbare Belastung sei bereits hoch genug.

Info: Wenn Grenzwerte in Nahrungs- oder Futtermitteln überschritten werden, dürfen Namen der herstellenden Betriebe genannt werden. Bei Verdachtsfällen aber nicht. Das soll sich ändern. Im Bundestag ist eine Gesetzesänderung in Arbeit. Weiteres auf swp.de/dioxin


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Autor: MARTIN HOFMANN PETER BUYER | 11.01.2011

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