Auch in Israel gibt es Kritik an der Beschneidung

Beschneidung ist in Israel keineswegs unumstritten. Immer mehr Eltern entscheiden sich gegen die Prozedur, obwohl der soziale Druck groß ist.

ULRIKE SCHLEICHER |

Über die Beschneidung von Buben wird auch in Israel heftig diskutiert. Es ist zwar eine Minderheit, aber immer mehr Eltern entscheiden sich gegen dieses Ritual. Schätzungen gehen von zwei bis drei Prozent unbeschnittener Männer und Buben aus. Sie finden bei Organisationen wie Kahal (hebräisch Zuhörer) Zuspruch.

Ronit Tamir aus Tel Aviv, Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn, hat sie vor 12 Jahren gegründet. Ursprünglich wollte die Softwareentwicklerin dort nur Gleichgesinnte treffen: Ihr Sohn ist nicht beschnitten und sie befürchtete Nachteile für ihn. Der soziale Druck sei groß. "Großeltern zetern, Freunde warnen vor Krankheiten und Ausgrenzung des Jungen."

Argumente, die Ronit Tamir nicht gelten lässt. "Unsere Erfahrung ist, dass Kinder und Jugendliche in der Gemeinschaft damit kein Problem haben." Medizinische Gründe wie eine erhöhte Gefahr von Blasenentzündungen seien nicht signifikant. Und auch eine verringerte Ansteckungsgefahr von HIV sei kein Grund, sagt Ronit.

Argumente gegen eine Beschneidung finden die Gegner problemlos. Da sind zunächst die Schmerzen, die der Säugling bei der Operation ohne Narkose erleidet. "Es ist in etwa vergleichbar mit einem Zahn, den man ohne Betäubung gezogen bekommt", beschrieb es jüngst der Kinderarzt Daniel Shinhar gegenüber Medien. Die psychologischen Folgen dieser Tortur seien posttraumatische Störungen: "Das Baby ist wahnsinnigem Stress ausgesetzt."

Auch der Hinweis, Beschneidung sei eine elementare Voraussetzung, um sich dem Judentum zugehörig zu fühlen, läuft bei den Gegnern ins Leere. Man ist Jude, wenn die Mutter jüdisch ist. "Das hat mit den Genitalien nichts zu tun", erklärt Ronit Tamir. Die Identifikation mit der Religion und deren Werte sei viel mehr ein ganz persönlicher Prozess.

Seit langem gibt es für progressive, gläubige Juden eine Ersatzzeremonie, die Brit Shalom (friedliche Verbindung mit Gott) genannt wird. "Die Frage ist, ob sich Traditionen ändern können und müssen", heißt es auf einer Internetseite der Organisation "Juden gegen Beschneidung". Ihre Antwort: "Ja".

Info 1998 hat die israelische "Vereinigung gegen Genitalverstümmelung" eine Petition beim Obersten Gerichtshof in Jerusalem eingereicht. Das Gericht sollte Beschneidung als "kriminellen und barbarischen Akt" verurteilen. Sie scheiterte. Der oberste Richter meinte damals: Israel könne nicht das einzige Land sein, das dieses Ritual verbietet.

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