An Bord ist gute Laune Pflicht

Weltoffen, tolerant, stressresistent: Trotz langer Arbeitszeiten und wenig Privatsphäre sind Tausende auf Kreuzfahrtschiffen beschäftigt. Sie wollen die Welt sehen, lassen sich auf das Abenteuer "Meerarbeit" ein.

OLIVER HEIDER |

Einmal pro Woche kommt Tanja Hirzel heim, wie sie sagt. Nicht nach Aalen, wo ihre Familie lebt, sondern nach Fuerteventura. Dort hatte sie gut ein Jahr gearbeitet und viele Freunde gefunden, bevor sie sich beruflich auf große Fahrt begab. Die 22-Jährige verdient nun ihr Geld auf einem Kreuzfahrtschiff, der Aida Blu, die im Winter die Kanarischen Inseln und Madeira anläuft.

Hirzel steht in der Destille, einer kleinen Bar auf Deck 10, in der die Passagiere Bier und Hochprozentiges bestellen. Es ist 21.30 Uhr, die See ist ruhig, kaum Wellengang. Fast alle Stühle sind besetzt, von Hektik aber keine Spur. Hirzel plaudert mit Gästen. Für sie war der Job auf hoher See eine logische Konsequenz in der Karriereplanung: "Ich wollte was Neues probieren." Im Landgasthof Lamm in Aalen hat sie Hotelfachfrau gelernt, im Seegasthof Espachweiler in Ellwangen gearbeitet. Und auf Fuerteventura. Hitzel: "Wenn es die Arbeit zulässt, besuche ich dort meine Freunde."

Doch das ist selten. Auf dem Meer zu arbeiten heißt ans Limit zu gehen. Acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - so will es der Tarifvertrag, der mit Gewerkschaften vereinbart wurde. Die Arbeitszeit liegt aber oft bei zehn Stunden oder mehr. "Die Dienstzeiten sind so ausgerichtet, dass stets eine optimale Gästebetreuung gewährleistet ist", begründet Aida Cruises die Mehrarbeit bei der "Meerarbeit".

Hirzel hilft hin und wieder in den Á-la-Carte-Restaurants aus, ihre Arbeitszeit bekommt sie am Abend zuvor mitgeteilt. Sechs Monate ist sie an Bord, hat dann zwei Monate Urlaub. Der Job macht ihr Spaß, auch wenn ihr Verdienst nur jenem an Land entspricht, wo sie viel weniger arbeiten musste. "Ich komme mit dem Geld aber gut aus. Man kann ja nicht viel ausgeben." Ein bisschen im Internet surfen, einen Kaffee in der Crew-Bar trinken oder Shopping an Land - das wars. Kost und Logis sind frei für die Mitarbeiter.

Von denen gibt es viele. Mehr als 600 Menschen aus 17 Nationen arbeiten auf der Aida Blu, die Platz für 2500 Passagiere bietet. Auf den Luxuslinern der neuen Generation gibt es immer mehr Jobs zwischen Maschinenraum und Sonnendeck - alle voll steuer- und sozialversicherungspflichtig: Elektroniker, Ärzte, Krankenschwestern, Tellerwäscher, Reinigungskräfte, Golf-, Tauchlehrer, Friseure, Masseure, Nautiker. Sogar eine Ausbildung zum Mechatroniker ist an Bord möglich. Die Rostocker Reederei, Marktführer in der deutschsprachigen Kreuzfahrtbranche, beschäftigt 5000 Menschen, 500 davon an Land. Bis 2012 - statt heute sieben stechen dann neunClubschiffe in See - werden es mehr als 6000 Angestellte sein.

Knapp zwei Drittel der Mitarbeiter auf den schwimmenden Erlebnishotels werden auch künftig aus Nicht-EU-Ländern kommen. Meist sind es Filipinos. Wie Ray, mit dem Hirzel zusammenarbeitet und auf Englisch spricht. Die 22-Jährige wirft einen prüfenden Blick auf eine Rechnung. Ein Getränk wurde falsch gebucht. Strammen Schrittes geht sie in das Brauhaus, an das die Destille angegliedert ist.

Dort trifft André Klein die letzten Vorbereitungen. Um 22 Uhr beginnt in der Aida Bar das Alpenglühen. Ein zünftig-bayerischer Abend mit Schmalzbrot. Und Bier, das der 35-Jährige aus Frankfurt an Bord braut - live, in einem gläsernen Sudhaus. Eine bisher einmalige Tätigkeit auf einem Kreuzfahrtschiff. Seine Arbeit sei sehr anstrengend, sagt Klein. Aber spannender als an Land, weil er hier direkten Kundenkontakt habe. Eine feste Beziehung in der Heimat sei aber nicht möglich. "Ich lerne dafür viele interessante Leute kennen und kann sogar neue Biersorten kreieren." Die Gäste wollten stets "einen raubeinigen Braumeister" erleben, und den mimt er beim Alpenglühen auch.

Während dort die Party-Musik laut wummert, leert sich die Destille. Tanja Hirzel schnauft durch. Auf einem Clubschiff muss sie allzeit gute Laune versprühen. Klappt das? "Ja, das ist eine Frage der Professionalität." Und wie entspannt sie sich in der Freizeit? Ins Fitnessstudio gehe sie selten, eher auf das creweigene Sonnendeck, fernab des Trubels. Gern würde sie mal einen gemütlichen Abend ohne Arbeit verbringen. "Das ist in dem System aber nicht drin." Anfangs habe sie nach der Arbeit noch Party gemacht. "Das hat nachgelassen."

Es ist nach Mitternacht, ein paar Angestellte mischen sich in der Disco unters Partyvolk - mit Namensschild und angeheftetem "Freizeit-Pin", um als Mitarbeiter erkennbar zu sein. Das Motto des Abends: "White Night".

Passend, ganz in weiß gekleidet ist Timo Beigelbeck. Der 35-Jährige aus Geislingen ist der DJ auf dem Schiff. Eine große Herausforderung sei das Alter der Discogäste. "Von 15 bis 60 Jahre ist alles dabei. Allen Geschmäckern gerecht zu werden, ist schwierig", sagt er und legt Madonnas Song "4 minutes" auf.

Seine Verträge gehen sechs bis acht Wochen. "Länger hält man diese Nachtarbeit nicht aus." Nach einigen Wochen Pause bekommt der Betriebswirt und selbstständige Veranstaltungsmanager neue Angebote - und nimmt sie an. Beigelbeck will die Welt sehen, daraus macht er keinen Hehl. Nach dem Mittelmeer und den Kanaren auf drei verschiedenen Schiffen schweben ihm Südamerika und Asien vor. Tagsüber nutzt er seine Freizeit für Ausflüge. Auch in Lanzarote, wo das Schiff inzwischen festgemacht hat.

4 Uhr, Feierabend für Beigelbeck. Tanja Hirzel schläft um diese Zeit schon. Ihre Kabine auf Deck zwei teilt sie sich mit einer Mitarbeiterin aus dem Kidsclub: siebenQuadratmeter, Kleiderschrank, Stockbett, Regal, Dusche, WC. Keine Privatsphäre. Nur Offiziere haben Einzelkabinen. Anfangs war die Enge "gewöhnungsbedürftig", jetzt ist es "ok". Immerhin ist Platz für ihr Lieblingskissen in Herzform, ein Buch mit Widmungen von Familie und Freunden. Ein bisschen Heimat braucht auch Fernarbeiterin Hirzel, die "irgendwann bodenständig werden" will. Nur wann, weiß sie noch nicht.

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