740 neue Perspektiven durch "Passiv-Aktiv-Tausch"

Seit zwei Jahren testet Baden-Württemberg im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit das Modell "Passiv-Aktiv-Tausch". Die Erfahrungen mit den bisher 740 Teilnehmern sind positiv, der Aufwand aber ist groß.

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Ob er sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt? "Aber sicher!", antwortet Horst Blask gerade heraus, fast ein bisschen empört über diese Frage. Der Lagerarbeiter beim Mannheimer Schmierstoffproduzenten Fuchs Petrolub wippt mit den Füßen und blickt lächelnd in die Runde. Er trägt Brille und einen kleinen Schnauzbart. Den Kopf hält eine schwarze Strickmütze warm, die Hände sind hinter dem Rücken verschränkt.

Horst Blask hat an diesem Dezember-Tag hohen Besuch. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ist nach Mannheim gereist, auch die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter ist dabei. Und Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz - allesamt von der SPD. "Wir sind alle wegen Ihnen hier", scherzt Nahles mit dem 44-Jährigen. Der ehemalige Langzeitarbeitslose Blask soll ihnen erzählen, wie er über das Projekt "Passiv-Aktiv-Tausch" zu einem festen Job kam, der ihn und seine Familie ernährt.

Was so sperrig klingt, hat inzwischen 740 Langzeitarbeitslosen in Baden-Württemberg eine Perspektive gegeben. Die Kernidee lautet: Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren. Beim "Passiv-Aktiv-Tausch" (PAT) werden die Mittel, die von Bund und Kommunen normalerweise für Hartz IV, Wohnung und Heizkosten gezahlt werden, für maximal zwei Jahre in Lohnzuschüsse für einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz umgewandelt. Gezahlt werden mindestens 8,50 Euro pro Arbeitsstunde. Eine sozialpädagogische Fachkraft begleitet die Projektteilnehmer. So soll eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft und am normalen Leben ermöglicht werden - anstelle des passiven Empfangs von Sozialleistungen und dem ganzen Frust, der sich aufstauen kann, wenn man in die Mühle der Jobcenter gerät.

Das bundesweit einmalige Modellprojekt richtet sich speziell an die "schwierigen Fälle", die schon mindestens drei Jahre Hartz IV beziehen und ohne intensive Förderung auf dem regulären Arbeitsmarkt quasi chancenlos sind. Im Sprachgebrauch der Jobcenter haben sie "mehrere Vermittlungshemnisse". Bei Horst Blask sind das gesundheitliche Probleme, schwere Sachen kann er nicht tragen. Auch eine Berufsausbildung hat er nie abgeschlossen. "Ich musste früh meinen Mann stehen", sagt der Familienvater. Er heiratete in jungen Jahren und hat zwei Söhne. Der Ältere (22) ist behindert. Das kostet Zeit. Seine Frau könne deshalb kaum arbeiten, sagt Blask.

Der Mannheimer war fast vier Jahre lang arbeitslos, bevor sich das Unternehmen Fuchs bereiterklärte, für ihn eine PAT-Stelle zu schaffen - als Gabelstaplerfahrer im Wareneingang. Dort geht von Rohstoffen bis zu Verpackungen alles ein, was man für die Schmierstoffherstellung benötigt. Begleitet wurde Blask knapp zwei Jahre lang vom Diplom-Pädagogen Kaan Öztürk, der insgesamt 28 PAT-Teilnehmer in Mannheim betreut. Er stand als ständiger Ansprechpartner zur Verfügung, führte immer wieder Gespräche mit Blask und dessen Arbeitgeber. "Die Nachhaltigkeit liegt bei 95 Prozent", zeigt sich der Pädagoge von dem Konzept überzeugt. Nur zwei seiner Mandanten seien aus dem Projekt ausgestiegen.

Öztürks Job ist es, die Teilnehmer zu motivieren, sie aber auch in persönlichen Krisen zu stabilisieren, damit sie bei der Stange bleiben. Ohne Betreuung kommt es häufig zum "Drehtüreffekt", bei dem Langzeitarbeitslose, die eine Arbeit finden, nach wenigen Monaten oft wieder im Hartz-IV-System landen.

Die Idee der Begleitung will auch Nahles aufgreifen. "Wir können die Leute nicht einfach an der Tür abgeben - so funktioniert es nicht", sagt die Bundesarbeitsministerin. Nahles reformiert gerade auf Bundesebene die Förderung von Langzeitarbeitslosen und plant dabei unter anderem ein Projekt mit "Coaches", die den Wiedereinstieg in das Berufsleben eng begleiten sollen. Ihr Ziel: Die trotz des Jobbooms konstant hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen in Deutschland - rund eine Million - in den nächsten Jahren "merklich nach unten zu drücken".

An ein Bundesgesetz für den "Passiv-Aktiv-Tausch" ist dagegen nicht gedacht. "Das Arbeitsministerium ist dafür, das Finanzministerium dagegen", sagt Nahles. Die großen Wohlfahrtsverbände fordern schon lange, diese Möglichkeit der Arbeitsförderung in die Liste der gesetzlichen Regelmaßnahmen aufzunehmen. So aber dürfte es erst einmal bei Modellversuchen bleiben. Immerhin gibt es schon Nachahmer. Die neue rot-rot-grüne Regierung in Thüringen etwa will im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit das baden-württembergische Projekt übernehmen.

In Baden-Württemberg ist der "Passiv-Aktiv-Tausch" Bestandteil des Landesprogramms "Gute und sichere Arbeit". Bis 2016 ist er erst einmal gesichert. Knapp sieben Millionen Euro investiert bis dahin das Land an Fördermitteln - Geld, das zusätzlich zu den umgewandelten Leistungen der Jobcenter und Kommunen fließt. Mehr als die Hälfte der 740 Jobs wurden von der Privatwirtschaft angeboten, die anderen von Sozialunternehmen und Kommunen. Mannheim, wo es mit einer Quote von 9,4 Prozent die mit Abstand höchste Arbeitslosigkeit im Südwesten gibt, steht mit 56 Teilnehmern an der Spitze.

Horst Blask hat inzwischen einen festen Arbeitsvertrag vom Unternehmen Fuchs bekommen - zwei Monate, bevor die PAT-Phase bei ihm offiziell abgelaufen wäre. Der Gabelstaplerfahrer ist hochmotiviert und hat bereits Aufstiegspläne: Nach Feierabend will er sich auf der Abendschule zum Lageristen weiterbilden lassen. Sein direkter Vorgesetzter Ralf Otto, Meister im Wareneingang bei Fuchs, sagt voller Stolz: "Herr Blask hat sich richtig gemacht. Er ist einer meiner zuverlässigsten Mitarbeiter."

Zehn Jahre

Reform Vor zehn Jahren, am 1. Januar 2005, trat das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" - bekannt unter "Hartz IV" - in Kraft. Wichtigstes Element war die Zusammenlegung der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe für Erwerbsfähige. So entstand das Arbeitslosengeld II.

Empfänger Die Grundsicherung erhalten derzeit rund sechs Millionen Menschen. Davon sind 4,3 Millionen erwerbsfähig, bei den anderen handelt es sich vor allem um Kinder unter 15 Jahren. 1,9 Millionen der erwerbsfähigen Empfänger sind arbeitslos, 922.000 von ihnen langzeitarbeitslos. Als Langzeitarbeitsloser gilt, wer mindestens ein Jahr lang keine Stelle hat.

Problem Mit den Hartz-Reformen einher ging die Einführung des Prinzips "Fördern und Fordern". Bezieher von staatlichen Hilfeleistungen sollen so schnellstmöglich auf einen Arbeitsplatz vermittelt werden. Bei Langzeitarbeitslosen bleibt der Erfolg aber oftmals aus. Trotz der guten Konjunktur und der Rekord-Erwerbsfähigkeit in Deutschland ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren kaum gesunken. In Baden-Württemberg sind rund 70.000 Menschen langzeitarbeitslos. two

 

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