40 Millionen Kaiser ohne Frau

33 Jahre Ein-Kind-Politik haben die chinesische Gesellschaft umgekrempelt. Verwandtschaft gibt es kaum noch, dafür Millionen Männer, die keine Frau finden. Demographisch steht China vor einer Katastrophe.

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Heiratsmärkte wie dieser in Peking sind in China üblich. Doch nicht jeder Junggeselle findet eine Partnerin - eine Folge des Männerüberschusses. Foto: afp

Eileen Zhang erinnert sich gern an ihre Kindheit. Die heute 32-Jährige hatte nicht nur einfach Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins. Sie waren auch durchnummeriert, weil es so viele waren. Die älteste Tante hieß Große Tante, dann kam Tante 2, Onkel 3 und der Kleine Onkel. Und nicht nur das: Die Großeltern, Tanten und Onkel mütterlicherseits hatten eine andere Bezeichnung als die Verwandten des Vaters. Bei zwei Tanten, zwei Onkel, dem angeheirateten Anhang und 12 Vettern und Basen - allein auf der Seite des Vaters - "war das ein ganz schönes Unterfangen, sich alle Bezeichnungen zu merken", erzählt Eileen. "Aber dafür war in der Familie immer was los."

Ihr vierjähriger Sohn Enwei kennt eine Ayi, so die Bezeichnung für eine Tante mütterlicherseits, nur noch als Angestellte, die zweimal die Woche zum Putzen kommt. Geschwister hat er nicht und auch keine Cousinen und Cousins. So wie Enwei wächst eine ganze Generation heran, die auch keine Tanten und Onkel mehr kennt, bedauert seine Mutter. Schon sie und ihr Ehemann waren als Einzelkinder aufgewachsen.

Um die hohe Bevölkerungszahl zu reduzieren, hatte Chinas regierende Kommunistische Partei 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt: Jedes Ehepaar darf seitdem nur noch ein Kind bekommen. Paare, die sich nicht daran halten, müssen mit einer hohen Geldstrafe und vielen behördlichen Nachteilen rechnen.

Wer bloß auf die nackten Zahlen schaut, der kann diese Politik nachvollziehen. 1,3 Milliarden Menschen zählt China derzeit. Hätte es die Ein-Kind-Politik nicht gegeben, läge die Bevölkerungszahl heute wahrscheinlich um 400 Millionen höher. Schon jetzt sind die Städte überfüllt. Kaum vorstellbar, wie es bei 1,7 Milliarden Menschen aussehen würde. Wären da nicht die vermuteten 300 Millionen Abtreibungen der vergangenen 33 Jahre, viele davon erzwungen.

Auf dem Land gehen Beamte bis heute zuweilen besonders grausam vor. Zuletzt vor drei Wochen bei einer 23-Jährigen. Sie war im siebten Monat schwanger. Weil sie sich weigerte, für das zweite Kind die fällige Strafgebühr zu zahlen, schleppten Polizisten sie auf Anweisung der Lokalregierung in ein Krankenhaus und injizierten ihr eine Flüssigkeit, die eine Abtreibung einleitete. Übers Internet haben Blogger Fotos von der entsetzten Frau mit dem toten Fötus neben ihr verbreitet. Der Protest wurde so laut, dass die Behörden ihr inzwischen eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet 9000 Euro gezahlt haben sollen.

Je länger Chinas Führung an der Ein-Kind-Politik festhält, desto größer werden die gesellschaftlichen Nachteile. Nicht nur, dass im ganzen Land kleine Kaiser heranwachsen, die von zwei Eltern- und vier Großelternteilen gehätschelt werden. China steht vor einem beispiellosen Überalterungsprozess. Bereits in 20 Jahren werden in der Volksrepublik 300 Millionen Rentner leben - das entspricht etwa der Einwohnerzahl der USA. Anders als etwa in Deutschland und anderen hochentwickelten Industrieländern mit demografischen Problemen droht China jedoch zu altern, noch bevor es reich geworden ist.

Und China wird auch männlicher. "Wenn schon nur ein Kind, so denken sich viele Eltern, dann ein Junge", berichtet der Pekinger Soziologe Li Jianxin. Mädchen lassen viele illegal abtreiben. Das Institut für Bevölkerungsentwicklung in Peking hat errechnet, dass es 2020 einen Überschuss von 40 Millionen jungen Männern im heiratsfähigen Alter geben wird. Schon jetzt finden in vielen Städten wöchentliche Heiratsmärkte statt, an denen vor allem zu Vermögen gekommene Junggesellen hoffen, ihre Frau fürs Leben zu finden. Wer über kein Geld oder einer eigenen Immobilie verfügt, geht häufig leer aus. Forscher haben nachgewiesen, dass der Aggressionspegel in Gesellschaften mit hohem Männerüberschuss sehr viel höher ist als wenn das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist.

Auch den Kinderhandel hat die Politik gefördert. Weil Jungs so gefragt sind und Mädchen vor allem auf dem Land bis heute nicht so recht gewollt werden, sehen Mafiabanden in dem Handel ein lukratives Geschäft. Erst vor einer Woche haben Behörden bei Razzien an mehreren Orten zwei Kinderhändlerringe zerschlagen und 181 Kinder befreit. 802 Verdächtige wurden festgenommen. Gentests sollen nun bei der Suche nach den biologischen Eltern helfen. Ansonsten müssen sie in Waisenhäusern bleiben. Nach offiziellen Angaben wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 8000 Kinder aus den Händen solcher Händler befreit.

Inzwischen hat Chinas Führung die Probleme nicht nur erkannt, sondern auch zugegeben. Offiziell hält sie zwar noch an der Ein-Kind-Politik fest. Doch die Regeln werden aufgeweicht. In Städten wie Peking und Schanghai dürfen Eltern, die bereits Einzelkinder waren, auf Antrag inzwischen auch zwei Kinder bekommen. Und auch Bauern wird in immer mehr Provinzen wieder ein zweites Kind gestattet. Experten schätzen, dass die Ein-Kind-Politik heute tatsächlich nur noch ein Drittel der jungen Leute betrifft.

Vielen auch hochrangigen Funktionären gehen die Lockerungen aber nicht weit genug. "Je länger wir auf eine Anpassung dieser Politik warten, desto verletzbarer werden wir", warnt Yu Dong vom State Council"s Development Research Center, einer regierungsnahen Denkfabrik in Peking. Einige seiner Kollegen fordern gar, ganz auf die Geburtenkontrolle zu verzichten.

Aber da gibt es bereits das nächste Problem. So wie in vielen westlichen Metropolen wollen inzwischen auch viele chinesische Großstädter überhaupt keine Kinder mehr.

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