150 Jahre Rotes Kreuz mit bedingungslosen Helfern

Das Rote Kreuz feiert sein 150-jähriges Bestehen. Die Hilfsorganisation ist in ihrer Arbeit auf ehrenamtliche Helfer wie Wolfgang Haalboom angewiesen. Er weiß um die heutigen Probleme des Vereins.

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  • Rot-Kreuz-Helfer der Ortsgruppe Maulbronn üben mit Bereichsleiter Wolfgang Haalboom (links) bei einem Erste-Hilfe-Wettbewerb den Ernstfall. 1/2
    Rot-Kreuz-Helfer der Ortsgruppe Maulbronn üben mit Bereichsleiter Wolfgang Haalboom (links) bei einem Erste-Hilfe-Wettbewerb den Ernstfall. Foto: 
  • Wolfgang Haalboom ist seit 1989 Mitglied im Deutschen Roten Kreuz. 2/2
    Wolfgang Haalboom ist seit 1989 Mitglied im Deutschen Roten Kreuz.
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Jeder Rettungseinsatz beginnt für Wolfgang Haalboom auf die gleiche Weise. Zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer das Mobiltelefon des Diplom-Wirtschaftsingenieurs klingelt: Er greift zum Handy und liest die SMS der Rettungsleitstelle, die den 51-Jährigen informiert, wo in seiner Nähe Menschenleben in Gefahr sind. Eilig zieht Haalboom dann die Rettungsjacke über und fährt, meist mit einem außer Dienst gestellten Rettungswagen, zum Einsatz. Jacke und Wagen zeigen das Zeichen seiner Hilfsorganisation: ein rotes Kreuz auf weißem Grund.

Haalboom engagiert sich seit 1989 im Deutschen Roten Kreuz (DRK). Genauso lange ist er in dem DRK-Projekt "Helfer vor Ort" in seiner Heimatstadt Maulbronn (Enzkreis) als Aktiver mit dabei. Er ist einer von zehn Ehrenamtlichen, die als Rettungshelfer ausgebildet sind, im Notfall die Rettungskette zu ergänzen. Erste Hilfe leisten und beruhigen gehört zu ihren Hauptaufgaben, bis Sanitäter und Notarzt eintreffen. "Dass wir da sind, kann manchmal ganz entscheidend sein", sagt der 51-Jährige.

Dabei ist es dem Zufall geschuldet, dass es Helfer wie Wolfgang Haalboom gibt.

Henry Dunant war am 24. Juni 1859 zufällig nahe des Gardasees an den Ort gekommen, wo kurz zuvor die Schlacht von Solferino getobt hatte. Entsetzt blickte der Schweizer über das Feld mit tausenden Toten und weit mehr Verwundeten. Ergriffen vom Leid, sammelte er Freiwillige um sich und versorgte die Verwundeten und Sterbenden. Er scherte sich nicht darum, für wessen Seite ein Soldat gekämpft hatte, sondern half unparteiisch und zeigte Menschlichkeit. Grundsätze, die zu Leitlinien des Roten Kreuzes wurden.

Dunant schrieb seine Erlebnisse nieder und formulierte dazu die Idee, freiwillige Hilfsorganisationen zu gründen. Staaten sollten diese in internationalen Verträgen anerkennen und so die Basis für deren Gründung legen. Der Vorstoß gewann Anhänger und mündete in der ersten Genfer Konferenz zwischen dem 26. und 29. Oktober 1863.

Vor 150 Jahren entstand damit die Grundlage für das Internationale Rote Kreuz, wie es heute existiert. Ein Komitee sollte laut Resolutionen in jedem Land den Sanitätsdienst der Armee unterstützen. Dessen Helfer seien wie Verwundete als neutral anzusehen, und: "Als Erkennungszeichen sollen die Helfer eine weiße Armbinde mit einem roten Kreuz tragen."

Wenn Wolfgang Haalboom heute seine Jacke mit dem Rot-Kreuz-Symbol überzieht, dann hilft er Menschen nach Verkehrsunfällen, mit Herzinfarkten oder Alkoholvergiftungen. "Die Einsätze sind immer wieder anders." Mehr als 1000-mal ist er bereits ausgerückt, immer zu Katastrophen, ob zu kleinen oder zu großen. Das hinterlässt Spuren.

"Ein verbrannter Körper an einem Unfallort, das ist ein Bild, das sich einprägt und einen nicht mehr so schnell loslässt", sagt der Retter. Die Gemeinschaft mit den anderen Helfern, die Einsatz-Regeln, die Nachbesprechung und natürlich auch die eigenen Schutzmechanismen helfen, derartige Erlebnisse zu verarbeiten. "Und wird die Belastung zu hoch, bietet das DRK die Möglichkeit zur psychosozialen Nachsorge - oder man nimmt eine Auszeit."

Was aber bewegt einen Menschen, ein so belastendes Ehrenamt auszuüben? Für Haalboom ist es der gleiche Gedanke, der vor 150 Jahren Henry Dunant motiviert hat: Menschen in Not und Leid zu helfen. "Mir ist es wichtig, die Gleichgültigkeit abzustreifen." Dafür erfährt er Wertschätzung, von Geretteten, wie auch von seiner Familie und von seinem Umfeld.

Diese Wertschätzung teilt Haalboom mit 48 000 ehrenamtlichen Helfern im DRK-Landesverband Baden-Württemberg. Sie alle zeigen soziales Engagement in ihrer Freizeit, helfen im Sanitätsdienst, in der Bergwacht oder auf Veranstaltungen. Eine Zahl, auf die der Verband mit Stolz blickt. Doch es gibt auch Probleme.

Zwar zählt der Landesverband mit seinen 542 000 Mitgliedern nach Bayern zum zweitgrößten im Bundesgebiet. Doch die Hilfsorganisation verbuchte in den vergangenen Jahren im Land rückläufige Mitgliederzahlen, was zumindest langfristig Folgen für die Finanzierung hat. Die Mitgliedsbeiträge zählen als freie Mittel im DRK zu den wichtigeren Einnahmen. Denn weil das Geld - anders als etwa Spenden oder Zuschüsse aus öffentlicher Hand - nicht zweckgebunden ist, kann es flexibel eingesetzt werden.

Vor dem Hintergrund einer stetig alternden Gesellschaft will sich der Verband deshalb künftig besonders für die Jugend öffnen und geht dafür in Kindergärten und in Schulen. Zudem gilt es, auf neu zugewanderte Menschen zu reagieren und dort Kontakte zu knüpfen. Mit interkulturellen Projekten versucht das DRK das zu erreichen.

Dazu gehören Blutspendeaktionen in Moscheen, Gesprächsrunden in den Ortsverbänden oder einfache Kochkurse. In Ulm etwa haben Menschen mit Migrationshintergrund und DRK-Mitarbeiter gemeinsam ein interkulturelles Kochbuch zusammengestellt. Es sind keine großen Aktionen, aber auf diese Weise lernt man sich kennen. "Solche Dinge brauchen Zeit und lassen sich nur ganz schwer von oben bewegen", sagt der Präsident des DRK-Landesverbandes, Lorenz Menz.

Auch für Wolfgang Haalboom ist eine Öffnung für Kinder und Jugendliche und Menschen mit Migrationshintergrund ein Anliegen. "Wir brauchen die Akzeptanz von allen in der Bevölkerung", sagt der Rettungshelfer. Besonders, da sich die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert habe. Zwar waren schon Helfer etwa mit kroatischen, türkischen und italienischen Wurzeln in der Ortsgruppe tätig. "Wir sind aber noch kein Abbild der Gesellschaft", sagt Haalboom. Für eine Hilfsorganisation, die angewiesen ist auf ein Vereinsleben und auf die Unterstützung der Menschen vor Ort, sei aber genau das überlebenswichtig.

Menz gibt sich zuversichtlich, die Herausforderungen zu meistern. Die Geschichte des DRK sei in den 150 Jahren immer ein Auf und Ab gewesen. "Unsere Aufgabe ist es, die Tür zu öffnen." Die Probleme in der Welt und in Deutschland werden schließlich nicht weniger.

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