15 Stunden Kampf, Rache und Tod

In Syrien ist der Bürgerkrieg voll entbrannt. Die Truppen des Assad-Regimes rächen sich mit aller Brutalität an Dorfgemeinschaften, die zu den Aufständischen halten. Wer nicht fliehen kann, wird umgebracht.

|
In der Stadt Mareh protestierten gestern tausende Syrer gegen das Massaker von Tremseh. Foto: afp

Als die Regierungstruppen am Morgen kurz nach Sonnenaufgang von Westen auf das Dorf Tremseh zumarschieren, rechnet Ibrahim aus Hama mit dem Schlimmsten. "Ich habe unsere Leute im Dorf angerufen und ihnen gesagt, dass alle Familien das Dorf sofort verlassen sollen", sagt der Aktivist. "Doch in den Feldern lauerten schon die Milizionäre, sie töteten die Menschen und warfen ihre Leichen in den Al-Asi-Fluss." Seinen vollständigen Namen und seinen aktuellen Aufenthaltsort will Ibrahim aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Was sich nach Angaben der Regimegegner in den nächsten 15 Stunden zugetragen hat, belegt eindeutig, dass der Bürgerkrieg, vor dem die Diplomaten im vergangenen Jahr noch warnten, längst Wirklichkeit geworden ist. In Syrien wird heute im Namen des Regimes vergewaltigt, gemordet, gefoltert und geplündert. Und im Namen der Freiheit entführen Rebellen Funktionäre. Soldaten und mutmaßliche Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad werden von ihnen misshandelt oder gleich erschossen.

Aus den Aussagen von Aktivisten und syrischen Menschenrechtlern lässt sich ungefähr rekonstruieren, was in Tremseh geschah, während die staatliche syrische Presse nur mit sehr unpräzisen Angaben aufwartet. So ist in einem Bericht der Nachrichtenagentur Sana von "großen Verlusten" in den Reihen der Regimegegner die Rede und von "Maschinengewehren israelischer Bauart", die angeblich bei den "Terroristen" gefunden wurden.

Etwa 250 Kämpfer - Deserteure und andere Rebellen - sollen sich in Tremseh aufgehalten haben, als die Offensive begann. Ein wegen der Sommerferien ungenutztes Schulgebäude habe ihnen als Waffenlager gedient, berichtet Ibrahim. Dort seien auch die ersten Granaten eingeschlagen, als die Armee um 6 Uhr früh ihre Angriffe auf die 10 000-Seelen-Gemeinde begann.

Am Vormittag hätten dann die Kämpfe begonnen, berichten mehrere Regimegegner übereinstimmend. Zivilisten, die versucht hätten zu fliehen, seien in den umliegenden Feldern massakriert worden. Der Versuch der Rebellen, den Angriff der Soldaten zu stoppen, blieb erfolglos, sie kämpften auf verlorenem Posten.

Die Soldaten kontrollierten die Ausweise der Dorfbewohner. Einige Aktivisten wurden verhaftet. Mehrere Zivilisten sollen an Ort und Stelle erschossen worden sein. Da unter den mehr als 160 Leichen, die von den Dorfbewohnern am Abend in den Straßen, Häusern und Feldern eingesammelt wurden, etwa 50 der ursprünglich 250 Kämpfer waren, muss es einem Großteil der Rebellen gelungen sein, zu fliehen oder unterzutauchen. Gegen 20 Uhr abends zieht die Armee aus Tremseh ab.

Daran, dass viele der Bewohner dieses sunnitischen Dorfes die Revolution unterstützen, gibt es keinen Zweifel. In den vergangenen Monaten hatte es in Tremseh mehrfach Anti-Regime-Demonstrationen gegeben. Dafür, dass an dem Massaker vom Donnerstag auch Milizionäre aus umliegenden Dörfern beteiligt waren, die der alawitischen Minderheit angehören, gibt es dagegen keine stichhaltigen Beweise.

Fest steht nur, dass der Einsatz der regimetreuen alawitischen "Schabiha-Miliz" viel dazu beigetragen hat, dass von einem friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Religionsgruppen - vor allem auf dem Land - jetzt nicht mehr die Rede sein kann. Einige Dörfer und vor allem die Christen halten sich zwar noch aus dem blutigen Konflikt heraus. Doch in den Augen der Hardliner auf beiden Seiten ist inzwischen auch Neutralität schon "Verrat".

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon "ist zutiefst besorgt über die jüngsten Meldungen aus der Provinz Hama", sagte sein Sprecher Martin Nesirky gestern. Er habe mit dem Chef der UN-Beobachtermission Unsmis, General Robert Mood, telefoniert, um sich über die Einschätzung der Experten zu informieren. "Die Unsmis-Teams stehen bereit, um hinzufahren und die Tatsachen zu überprüfen, falls und wenn es eine glaubwürdige Feuerpause gibt", hatte Mood anschließend in Damaskus gesagt. "Wir können bestätigen, dass es gestern in dem Gebiet von Tremseh länger andauernde Gefechte gab", sagte er. Dabei seien unter anderem Militärhubschrauber und Geschütze eingesetzt worden.

Die Bundesregierung fordere Syrien "sehr nachdrücklich" auf, den UN-Beobachtern unverzüglich Zugang zum "Ort des Verbrechens" zu gewähren, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Teva streicht weltweit 14.000 Stellen

Die Ratiopharm-Mutter Teva will weltweit 14.000 Stellen streichen. In Deutschland hat der Konzern 2900 Mitarbeiter, die meisten arbeiten in Ulm. weiter lesen