15 000 Opfer beginnen zu reden
Die Bundesregierung reagierte auf die Missbrauchsskandale vor einem Jahr: mit Christine Bergmann. Die Ex-Ministerin sollte als neue Missbrauchsbeauftragte das Thema in einem Bericht aufarbeiten.
Noch immer gehen bei Christine Bergmann in Berlin ungefähr 40 Anrufe pro Tag ein. Die ehemalige Bundesfamilienministerin ist seit einem Jahr unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Sie sollte in einem Bericht sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland aufarbeiten. Diesen Bericht hat sie gestern in Berlin vorgestellt.
Insgesamt wurden sie und ihre 60 Mitarbeiter von etwa 13 000 Menschen angerufen, etwa 200 Briefe und Mails gingen ein. Professor Jörg Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm sagt: "Ich ziehe vor jedem von ihnen den Hut. Sie haben wirklich jedem Anrufer zugehört und auf jeden Brief einen Brief zurückgeschrieben." Der Arzt hat diese Dialoge mit seinem Team ausgewertet und analysiert.
Es wurden immer mehr. Denn immer mehr Opfer entschlossen sich dazu, ihr Schweigen zu brechen. Bei den meisten liegt der Missbrauch Jahrzehnte zurück. Eine 66-Jährige, die als Kind vom Freund ihrer Mutter missbraucht wurde, schrieb: "Warum schweigt man 10, 30 oder 60 Jahre nach dem Missbrauch? Man erwartet, dass Erwachsene einen schützen oder dass sie wissen, was mit einem geschieht." Sie war gerade mal fünf, als der Freund ihrer Mutter sie morgens ins Bett holte und ihr die Bettdecke über den Kopf zog. Er fuhr sie des Öfteren ins Dorf - mit Zwischenhalt im Wald. Er brachte Geschenke, alle fanden ihn nett. "Niemand hat mich gehört, als ich von dem Onkel seiner dicken Nudel sprach."
Anfangs hätten vor allem die Menschen angerufen, die in einer Einrichtung missbraucht wurden, sagt Bergmann. Eigentlich sollten diese Schutz bieten. Doch deren Mitarbeiter wurden zu Tätern: Schulen, Vereine, Kinderheime. Aber auch in Krankenhäusern, Arztpraxen und Sportvereinen hat sich einiges abgespielt - in Ferienfreizeiten, Pfadfindergruppen, Kindergärten und Ausbildungsstätten jedoch wenig.
Die meisten gemeldeten Missbrauchsdelikte in Institutionen wurden im Kontext der Kirche begangen. Ein ehemaliger Ministrant erzählt: "Es war die Hölle . . . Es geschah in der Kirche, in seiner Wohnung, im Auto, auf den Fahrten zur Messe in Nachbarorte."
Nach und nach meldeten sich aber auch immer mehr Opfer, die in ihrer Familie missbraucht wurden. Dort vergingen sich der Vater (52 Prozent), der Stiefvater (8 Prozent), der Onkel (8 Prozent). "Oder aber die Mutter (10 Prozent)", sagt Fegert, "bei Männern und Kindern läuten immer gleich die Alarmglocken. Bei Frauen und Kindern nicht." Was Bergmann zufolge auch vorkommt: "Eltern kommen mit ihrem Kind in eine Psychotherapie-Praxis, etwa wegen Problemen in der Schule. Irgendwann kommt heraus: Sex steckt dahinter."
Ein Jahr ist vergangen, seit Christine Bergmann Missbrauchsbeauftragte ist. Am Häufigsten hat sie mit Menschen gesprochen, die durchschnittlich 46 Jahre alt waren. Der jüngste Anrufer war sechs, die älteste Anruferin 89. Bergmann hat herausgefunden, dass die meisten Betroffenen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren missbraucht wurden. 87 Prozent meldeten sich aus den alten Bundesländern - erst allmählich kommen auch Anrufe oder Briefe aus Ostdeutschland.
Im Oktober werden Christine Bergmann und ihr Team wie geplant ihre Arbeit beenden. Sie hinterlassen mit dem Abschlussbericht 300 Seiten, in denen einige Empfehlungen stecken, über die ein Runder Tisch beraten wird. Bergmann fordert mehr Hilfe für Betroffene, deren Fälle verjährt sind. Für die Therapiekosten derjenigen, die in Institutionen missbraucht wurden, solle die entsprechende Einrichtung aufkommen; für Opfer familiären Missbrauchs der Bund. Ein enges Netz an Therapie- und Beratungsangeboten müsse entstehen. Die Verjährungsfrist für Schadenersatzansprüche empfiehlt sie von bisher drei Jahren auf 30 anzuheben - dann jedoch geltend ab dem Tatzeitpunkt.
Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hält eine unabhängige Missbrauchsbeauftragte auch in Zukunft für wichtig.
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Autor: ISABELLA HAFNER | 25.05.2011
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Hat ihre Arbeit fast abgeschlossen: Christine Bergmann. Foto: dpa
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