Nachtkritik: Die große und die kleine Welt

Fünf Schauspieler spielen 15 Figuren in 48 Szenen: Oliver Haffner inszeniert am Theater Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

Dieser Schmerz! Heftig, wie da in der Küche eines Asia-Restaurants einem Jungen mit der Rohrzange ein Zahn gezogen wird. Doch halt: Plötzlich wird gezeigt, wie eine Beziehung in die Brüche geht. Und alsbald geht es um ein Mädchen, das zur Prostitution gezwungen wird. Schon sind wir wieder in der Küche, wo der gezogene Zahn nichts Besseres zu tun hat, als in einer Thai-Suppe und dann im Mund einer Stammkundin zu landen.

Eins führt zum anderen, Schicksale verketten sich, Handlungen überlagern sich – und Schauspieler wechseln stetig Rollen. Schließlich sind es 48 Szenen, die in Roland Schimmelpfennigs Stück „Der goldene Drache“, das gestern Abend am Theater Ulm Premiere feierte, ein gesellschaftliches Bild ergeben, in dem die große, globalisierte und die kleine, persönliche Welt nicht mehr voneinander zu trennen sind. Da geht es um Heimat und Fremdsein, um Verlust und Gewalt, um Hoffnung und Trauer, um Liebe und Suche. Und, ja, auch um Leben und Tod.

Der Zuschauer erkennt erst im Lauf der knapp 100 Minuten, wie ungemein präzise die Puzzlestücke zusammenpassen und wie adäquat der mal temporeiche und zupackende, mal feine und zarte erzählerische Zugriff – ohne jeden Sozialkitsch – von Regisseur Oliver Haffner ist. Aber dann sieht man: starkes Theater. Mit einer prima Ensembleleistung von Fabian Gröver, Aglaja Stadelmann, Christian Streit, Maximilian Wigger-Suttner und Christel Mayr. Wohlwollender Applaus.

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