ZWISCHENRUF: Statistik der Küsse

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Mathe ist ein Arschloch." Tschuldigung, das ist ein Zitat, noch dazu von einer Postkarte, die man wahrscheinlich nicht umsonst geschickt bekommt. Aber sofern Sie etwas mit Kultur zu tun haben, finden Sie das vielleicht auch zum Lachen. Oder zum Heulen. Je nachdem, ob Sie "mal mehr, mal weniger, mal nichts" verdient haben, ob Sie 2012 die Zuschüsse für Ihr Projekt zusammenbekommen haben oder ein Fernsehredakteur mal wieder Ihr Drehbuch verhunzt hat, weil die Quote das angeblich so fordert.

Kultur und Zahlen - das zeigt auch die Aufstellung zur Linken - unterhalten eine schwierige Beziehung. Es hat deshalb etwas Traurig-Rührendes, wie die eine Seite um die Anerkennung der anderen buhlen muss: 860 000 Besucher hat die documenta stolz vermeldet. Aber was ist selbst so ein Besucherrekord gegen die vielen Millionen, die sich am liebsten gleich selbst von Robert Pattinson beißen lassen würden? Wo die Statistik angreift, schrumpft die Hochkultur auf Hobbitgröße.

Was hilfts, irgendwie muss der Mensch seine Welt vermessen. Und schon aus dekorativen Gründen wird man nicht auf die wunderbar minimalistischen Abstraktionen zwischen 0 und 9 verzichten wollen. Zum Jahresausklang also ein Vorschlag zur Güte: Wir wollen weiter zählen, was das Zeug hält. Aber nicht nur die Besucherzahlen, die verkauften Tickets und die Zuschauer in der werberelevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49.

Vielleicht sollten wir 2013 einmal etwas anderes erfassen: Wie viele Assoziationen haben die Kunstausstellungen zwischen Stuttgart und Stockholm freigesetzt? Wie viele Erinnerungen haben die neu erschienenen Gedichtbände hochgeholt? Wie viele Küsse wurden in den letzten Kinoreihen getauscht und wie viele Tränen in den Konzerthallen dieser Welt vergossen?

Kann man nicht zählen? Eben.

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