Zuhause im Unterwegs

Das 49. Berliner Theatertreffen im Mai ist schon allumfassend ausschweifend genug. Doch nun wird auch der Juni für Schauspiel-Fans zum Muss.

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Die Münchner Kammerspiele mit "Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose" zu Gast beim Berliner Theatertreffen. Das Bild zeigt Marc Benjamin und Sylvana Krappatsch in Johan Simons Inszenierung. Foto: Julian Röder

Die Leitung des Berliner Theatertreffens als der wichtigsten Leistungsschau mit den "bemerkenswertesten" Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum ist komplett neu. Aber bei den stets umstrittenen Auswahlkriterien hat sich nichts geändert: Sieben Reisekritiker gucken sich auf Verdacht rund hundert Aufführungen von Aarau bis Schwerin an und schicken schließlich zehn als Sieger nach Berlin, wo sie vom 4. bis 21. Mai präsentiert werden. Dazu kommt noch ein wirklich gewaltiges laborartiges Beiprogramm.

Das Theatertreffen ist schon lange nicht mehr nur Forum für Spitzenprodukte des Staats-, Stadt- oder auch Landestheaters. Drei der diesjährigen Einladungen gehen an keine festen Häuser, sondern an freie Gruppen. Alle drei Kollektive, versteht sich, fanden Produktionspartner in Berlins freilich unterfinanzierter eigener freier Szene - kein Wunder, dass Berlin diesmal die meiste Jurygunst auf sich ziehen konnte. Dreimal traf das Glückslos Frank Castorfs Volksbühne, den Meister selber aber nicht, sondern den genial groteskkomischen Spassmacher Herbert Fritsch mit seiner "Spanischen Fliege" und den mit seinem Sprechakt-Sound längst überall in der Republik sesshaften René Pollesch mit der gut gelaunten Brecht-Paraphrase "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia".

Die dritte preisgekrönte Volksbühnen-Produktion ist das vierte Teilstück von Vegard Vinges exzessiver Norweger-Saga; wer diese geisterbahnhafte Gewalt-Performance nach der kaum benutzten Ibsen-Vorlage "John Gabriel Borkman" sehen will, muss mindestens zwölf Stunden Zeit mitbringen: Jede Vorstellung ist anders, im Zweifelsfalle noch länger als ihr Vorgänger.

Apropos Länge: Auch Nicolas Stemanns assziationsverspielte Version des gesamten Goethe-"Faust" vom Hamburger Thalia ist erst frühestens nach acht Stunden zuende. Mit knapp fünf Stunden Spieldauer ist man vergleichsweise gut bedient bei Tschechows "Platonov", wie ihn Alvis Hermanis am Wiener Burgtheater in einen abgeschotteten Glas-Container versetzt hat.

Neben einem von einer Frau verkörperten "Macbeth" der Münchner Kammerspiele und dem wehleidigen Egotripper-"Volksfeind" am Stadttheater Bonn (beide nur zweistündig) sind es nochmals die Kammerspiele, die mit Johan Simons Trilogie "Gesäubert/Gier/448 Psychose" lohnend auf die Selbstmörderin Sarah Kane blicken.

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt eine multimedial an sechs europäischen Freie-Szene-Zentren entstandene Kollektivproduktion, die nichts mehr mit "normalem" Theater zu tun hat: Gob Squads Video-Performance "Before Your Very Eyes" mit sieben Kindern, die in 70 Minuten den Wandel eines ganzen Lebens durchspielen.

Nach ganz anderen theatralen Grenzüberschreitungen halten im Anschluss ans Theatertreffen Ulrich Khuons "Autorentheatertage Berlin" im Deutschen Theater vom 5. bis 16. Juni Ausschau. Sein alleinzuständiger Juror Tobi Müller ist 17-fach fündig geworden - durchweg konkurrenzfähig zum Theatertreffen. Müller hat etwas gegen selbstdarstellerisches Authentisch-Seinwollen. So versammelt er unter dem Motto "Sei nicht du selbst!" lauter Verunsicherungen des selbstgewiss auf die alten Erzählmuster Vertrauenden. Das geht von Handke über Schimmelpfennig und der unvermeidlichen Jelinek bis zu Houellebecques von Falk Richter dramatisiertem Roman "Karte und Gebet".

Da kommen, im Gegensatz zum Theatertreffen, auch zwei Bühnen aus Baden-Württemberg zum Zuge: das Mannheimer Nationaltheater mit "Malaga" von Lukas Bärfuss und das Freiburger Stadttheater mit Theresia Walsers "Eine Stille für Frau Schirakesch". Berlin schluckt und verdaut das locker vom Hocker.

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