Wolfgang Hildesheimer: Monologe vor dem Verstummen

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Autor Wolfgang Hildesheimer. Foto: Jerry Bauer/Suhrkamp Verlag  Foto: 

Schlaflos liegt er im Bett, wie jede Nacht, lauscht aufs Knacken im Gebälk, hat Angst. Erinnerungen bedrängen ihn, er fabuliert, hält sich fest an Requisiten. Der namenlose Ich-Erzähler entfaltet sein Einschlafritual, blättert im Telefonbuch und stößt im Kursbuch der norwegischen Staatseisenbahnen auf Tynset. Der Ort am Ende der Welt ist zugleich der Titel des Hauptwerks, für das Wolfgang Hildesheimer 1966 den Büchner-Preis erhielt. Morgen wäre er 100 geworden.

Der Prosatext – Hildesheimer nennt ihn bewusst nicht „Roman“ – ist ein einziger innerer Monolog während einer Nacht, es gibt keine, allenfalls eine banale äußere Handlung. Der Ich-Erzähler fristet eine sinnentleerte Existenz, er ist vereinsamt und isoliert. Tynset wird ihm für eine Nacht zum utopischen Ort, der vage einen Sinn verheißt. Dorthin will er aufbrechen, doch auch dieser letzte Plan hat sich erledigt, als der Morgen graut.

„Das Absurde entsteht aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt“, so knüpft Hildesheimer an Camus an. Anders als Joyce hält sich Hildesheimer an Syntax und Hochsprache. Der Bewusstseinsstrom seines Ich-Erzählers ist höchst kunstfertig und komponiert, Leitmotive werden variiert. Sprachliche Kabinettstücke gelangen dem Autor mit Episoden in „Tynset“, so mit der „Bettfuge“, einem großen Memento mori, einer Fuge für sieben Stimmen, sieben Menschen kurz vor dem Pesttod. An anderer Stelle lässt er Venedig samt Bewohnern – Symbol einer Welt, die sich überlebt hat –  genüsslich im Schlamm versinken.

Geboren wird Hildesheimer am 9. Dezember 1916 in Hamburg. Mit seinen Eltern emigriert er 1933 aus Nazideutschland. Er lebt in Palästina und England, studiert Zeichnen, Grafik, Bühnenbild. Sein Leben lang ist er bildnerisch tätig, mit abstrakten Grafiken und Collagen.

Nach Deutschland kehrt Hildesheimer 1946 zurück und wird als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen hautnah mit der „Dimension Auschwitz“ konfrontiert. Das bleibt nicht ohne Nachhall in seinem literarischen Werk. 1957 zieht Hildesheimer ins abgelegene Poschiavo in Graubünden, der italienischen Schweiz. Dort stirbt er am 21. August 1991.

Aufsehen erregt hat Hildesheimer, der Mitglied der Gruppe 47 wurde, gleich mit seinem Debüt „Lieblose Legenden“ (1952); die Satiren und Grotesken decouvrieren, wie falsch und hohl der Kunstbetrieb ist. Hildesheimers Skepsis wird bald radikal und existenziell: So sind die folgenden Hörspiele und Theaterstücke dem Theater des Absurden verpflichtet. Nach den Monologen um die Hauptwerke  „Tynset“ (1965) und „Masante“ (1973) landet er seinen größten Verkaufserfolg mit seinem Mozart-Buch (1977). Darin verniedlicht er Mozart nicht, wie so oft, sondern zeigt das Kompositions-Genie in seiner Unerklärbarkeit.

Hildesheimers Monologe sind Endspiele, letzte Reden vor dem Verstummen. 1983 erklärt der Autor seinen Abschied von der Literatur, in einer sinnlosen Endzeitwelt gibt es für ihn nichts mehr zu sagen.

Doch bis heute sprechen seine Werke, die Haupttitel sind bei Suhrkamp noch greifbar. Dieser Verlag wartete jüngst sogar mit einer Neuerscheinung auf: Mit den über 500 Briefen Hildesheimers an seine Eltern.

Roderich Schmauz

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