Wie freie Schauspieler und Tänzer ausgenutzt werden

Beim Landesfestival der freien Tanz- und Theaterszene in der kommenden Woche sind auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen Thema. Freie Schauspieler und Tänzer werden ausgenutzt, sagt Gesche Piening. Um darüber zu informieren, hat sie mit Ralph Drechsel die Wanderausstellung "brenne und sei dankbar" gestaltet, zu sehen in Stuttgart.

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Sie sind freie Schauspielerin und Regisseurin. Warum haben Sie eine so politische Ausstellung gemacht?

GESCHE PIENING: Ich war bei einer Präsentation des "Reports darstellende Künste", der die prekäre Lage der freien Tanz- und Theaterszene dokumentiert. Das ist eine wichtige Studie - aber wer liest schon 700 Seiten über diese Randgruppe am Arbeitsmarkt? Also hatten wir die Idee, eine Ausstellung dazu zu machen und den Leuten zu erklären, wer die da auf der Bühne überhaupt sind.

Und? Wer sind sie?

PIENING: Das sind hochmotivierte Menschen, die rund 15 000 Euro im Jahr verdienen, wenn sie Männer - und nur rund 10 000, wenn sie Frauen sind. Der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern beträgt noch mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung, wo er bei 22 Prozent liegt. Leute, die theoretisch 45 Jahre lang in die Künstlersozialkasse einzahlen, bekommen 427,50 Euro Rente. Freischaffende Künstler leben prekär. Sie sind viel seltener verheiratet oder haben Kinder. Noch dazu müssen sie immer flexibler sein, um von ihrer Arbeit leben zu können.

Geregelte Lebensplanung war nie das, was ein Künstler angestrebt hat. Flexibel mussten schon fahrende Spielleute im Mittelalter sein. . .

PIENING: Klar, Künstler geben in Umfragen ja auch eine hohe Zufriedenheit an, weil sie selbstbestimmter arbeiten können. Das Ganze wäre ja noch deprimierender, wenn man nicht etwas Gutes dabei finden könnte. Auf der anderen Seite wird die Selbstausbeutung aber immer massiver. Pro Kopf gibt Deutschland jährlich 101 Euro für Kunst und Kultur aus, das ist unteres Mittelfeld im europäischen Vergleich. Und die Mittel der Länder und Kommunen für Kultur werden knapper. Das heißt: Immer mehr Leute, die aus festen Engagements an den Theatern herausfallen, bewerben sich um das gleiche - oder vielmehr um ständig gekürztes - Geld aus den Fördertöpfen. Manchmal bekommt man gerade noch die Anfahrt zu einer Veranstaltung gezahlt - wenn man da nicht mitmacht, findet sich sicher einer, der es noch billiger macht. Und da haben Ökonomen die Stirn, vom "psychischen Einkommen" der Kreativen zu sprechen. Das ist grotesk.

Kreative sind Einzelkämpfer, wie wollen Sie da Solidarität schaffen?

PIENING: Das Problem ist, dass die Leute völlig unpolitisch ausgebildet werden. Wenn sie von der Schauspielschule kommen, haben sie zum Beispiel keine Ahnung davon, wie die Künstler bei den Gagen gegeneinander ausgespielt werden. Und so arbeiten sie auch für fast nichts, in der Hoffnung auf ihre große Chance. In der Ausbildung werden die Leute noch immer nicht darauf vorbereitet, dass sie später oft eben keine festen Engagements haben, sondern im Grunde als selbstständige Unternehmer mit verschiedensten Aufgaben arbeiten müssen. Mir hätte es beispielsweise sehr geholfen, zu wissen, wie man eine Pressemitteilung schreibt.

Was bezwecken Sie mit der Ausstellung?

PIENING: Sie ist ein Versuch zu informieren und eine Diskussionsgrundlage zu liefern. Wenn es gelänge, mehr Bewusstsein zu schaffen, würde sich vielleicht etwas ändern.

Beim Publikum oder bei den Künstlern?

PIENING: Bei beiden. Es gibt ja sogar Fälle, in denen das Publikum sein Theater vor Sparmaßnahmen gerettet hat. In unserer Ausstellung stelle ich immer wieder fest, dass viele Besucher total baff sind, wenn sie feststellen, dass man von dem Einkommen eigentlich nicht leben kann. Und viele Kollegen sind erleichtert - das ist eigentlich das Schlimmste.

Wieso?

PIENING: Naja, sie sagen: "Ich dachte immer, nur ich kriegs nicht gebacken." Solange jeder nur an seine eigene Schuld glaubt, wird sich gar nichts ändern.

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