Wie die großen Maler wohnten

Wie Monets Garten aussah, ist durch seine Bilder bekannt. Von der Bogenbrücke zu den Seerosen. Aber wie hatte er sein Esszimmer eingerichtet? Ein neuer Bildband gibt Einblick in dieses und andere "Künstlerhäuser".

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  • Die Gartenansichten seines Hauses in Giverny sind von seinen Gemälden her hinlänglich bekannt. Aber wer hätte gedacht, dass so ordentlich und gediegen das Esszimmer des wilden Impressionisten Claude Monet aussah? Bodo Plachta stellt in einem neuen Bildband zahlreiche Künstlerhäuser vor. Fotos: Achim Bednorz © 2014 Philipp Reclam jun. 1/3
    Die Gartenansichten seines Hauses in Giverny sind von seinen Gemälden her hinlänglich bekannt. Aber wer hätte gedacht, dass so ordentlich und gediegen das Esszimmer des wilden Impressionisten Claude Monet aussah? Bodo Plachta stellt in einem neuen Bildband zahlreiche Künstlerhäuser vor. Fotos: Achim Bednorz © 2014 Philipp Reclam jun.
  • Der Treppenaufgang im Meisterhaus, dessen Erstmieter Paul Klee war, in der heutigen Ebertallee in Dessau. 2/3
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  • Ein von Wassily Kandinsky bemaltes Treppengeländer in Gabriele Münters Ferienhaus in Murnau. 3/3
    Ein von Wassily Kandinsky bemaltes Treppengeländer in Gabriele Münters Ferienhaus in Murnau.
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"Das Atelier bewährt sich. Nach den langen Jahren Herumziehen gewährt das Gefühl der endlichen Ruhe, des Besitzes eines festen Fleckens eine ganz andere Sicherheit, trotz des mehr an Sorgen." Das schrieb Max Klinger - Maler, Bildhauer und Ende des 19. Jahrhunderts Repräsentant des bürgerlichen Kunstgeschmacks - an Alexander Hummel in dem Jahr, nachdem er sich 1895 in Leipzig-Plagwitz ein Atelier- und Wohnhaus hatte errichten lassen. Wie der spätere Vizepräsident des neugegründeten "Deutschen Künstlerbundes" fanden auch andere Künstler aus ganz Europa durch die vergangenen Jahrhunderte hindurch irgendwann Domizile, an denen sie sich mehr oder weniger lang niederließen.

Diese Wohn- und Arbeitshäuser sagen so einiges über diese Künstler aus, was bislang noch weniger bekannt ist. Dies sagte sich wohl der Germanist Bodo Plachta, der auf ähnliche Weise bereits etlichen Dichtern und Literaten nachgespürt hatte - und machte sich zusammen mit dem Architekturfotografen Achim Bednorz auf, Residenzen berühmter Maler und Bildhauer zwischen dem Palazzo des Federico Zuccari in Rom und Francis Bacons Atelier-Reproduktion in einem Dubliner Museum zu erkunden.

Während viele Kunstfreunde etwa dank der großformatigen Ölbilder Claude Monets (1840-1926) im Geiste schon ausgiebig durch die Blütenspaliere, unter Bambus und Trauerweiden hindurch übers japanische Bogenbrücklein und entlang der Seerosenteiche des Impressionisten in seinem berühmten Garten in Giverny gewandelt sind, wissen die wenigsten, wie viele Kinder der erneut liierte Witwer an seinem großen Esstisch im dortigen ganz in hellgelb gehaltenen Esszimmer mit japanischen Farbholzschnitten an den Wänden zu verköstigen hatte. Das 1890 gekaufte Haus, das im 55 Kilometer nordwestlich von Paris gelegenen Dorf "Le pressoir" (die Kelter) genannt wurde, beherbergte neben Monet und seinen eigenen beiden Söhnen auch seine Lebensgefährtin Alice Hoschedé sowie deren sechs Kinder. Für zehn Menschen also wurde in der komplett mit weißblauen Fayence-Fliesen gekachelten Herrenhausküche gekocht.

Der Leser erfährt, weshalb Paul Cézannes (1839-1906) 56 Quadratmeter großes Atelier in Aix-en-Provence neben den beiden zwei auf drei Meter großen Fenstern einen übermannshohen Schlitz in der Wand hatte. Wie die Treppenhäuser in Gabriele Münters Murnauer Haus und in Paul Klees Meisterhaus in Dessau gestaltet wurden. Und weshalb der Hochgebirgsmaler Giovanni Segantini (1858-1899) trotz seines stattlichen Holzhauses samt rundem Pavillon in Maloja zeitlebens staatenlos war.

Die in zwei Jahren gesammelten Geschichten, Eindrücke und Bilder haben der Autor und der Fotograf jetzt in ein im Stuttgarter Reclam Verlag erschienenes Buch gefasst. Der reich bebilderte Band über rund 50 künstlerische "Genii loci" bietet dem Einsteiger einen leicht lesbaren, unterhaltsamen Überblick über die Kunstgeschichte der vergangenen fünf bis sechs Jahrhunderte. Und erweist sich zugleich als Fundgrube an Anekdoten und biografischen Details für den Kenner. Aufgrund der Vielfalt seines Sujets kann "Künstlerhäuser" keine Vollständigkeit bieten. So fehlt etwa - abgesehen von den außereuropäischen Künstlern - auch die berühmt-berüchtigte Baracke HAP Grieshabers an den Hängen der Reutlinger Achalm. An baden-württembergischen Künstlerdomizilen findet sich darin lediglich Otto Dix' Haus in Hemmenhofen auf der Halbinsel Höri am Bodensee. Dafür behandelt Plachta hierzulande weniger beachtete Künstlerkreise wie den Bloomsbury-Ableger von Vanessa Bell im südenglischen Charleston.

Die Kapitel sind konzis gehalten, wer angebissen hat und mehr wissen will, muss anderswo weiterforschen. Plachta und Bednorz beschränken sich bei jedem der ausgewählten Individuen aufs Notwendigste, damit Raum für Überlegungen zu übergeordneten gesellschaftlichen Strömungen der jeweiligen Zeit bleibt, die einzelne Lebensläufe und Anekdoten miteinander verweben. Sonst würde dieses klassische "Coffee-Table-Book" die Tragfähigkeit eines jeden Couchtisches schlicht überfordern.

Das Buch zu den Bildern

Zweijährige Recherchen In dem großformatigen Buch "Künstlerhäuser" stellt Autor Bodo Plachta eine Vielzahl an Geburts-, Wohn-, und Atelierhäusern großer Künstler der Vergangenheit vor. Mehr als zwei Jahre lang war der Literaturwissenschaftler (Jahrgang 1956) dazu mit Fotograf Achim Bednorz auf Reisen. Die beiden besuchten Wohn- und Arbeitsstätten von Malern und Bildhauern in ganz Europa.

Prachtband Der aus dieser Zusammenarbeit entstandene üppige, mit rund 200 Farbfotografien ausgestattete Text- und Bildband stellt mehr als 40 Künstler in ihren höchst individuellen Arbeits- und Lebensräumen vor, von Andrea Mantegna in Mantua bis Juan Miró auf Mallorca. Das Buch ist im Reclam Verlag erschienen, 288 Seiten, 39.95 Euro.

SWP

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