Wie das Berliner Theatertreffen auf den Wandel der Welt reagiert

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Der 54. Durchgang des Berliner Theatertreffens ist heterogen wie kaum einer zuvor. Es sieht ganz so aus, als wollten sich die Theatermacher der nachrückenden Generation neu erfinden. Landauf landab gibt es kein Staats-, Stadt- und Landestheater mehr, das nicht mit den Mitteln der neu sortierten darstellenden Künste  auf die alarmierenden Zeichen einer deutlich im Wandel begriffenen Welt zu antworten versucht.

Das Theater positioniert sich, diskussions- und experimentierfreudig auf allen Ebenen, als Ansprechpartner für Orientierung suchende Zeitgenossen. Die rund 200 vom Staat subventionierten Sprechtheater-Bühnen im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich und die Schweiz) bemühen sich größtenteils erfolgreich um ein neues, junges Publikum, das den unersetzlichen Reiz einer Live-Begegnung, sozusagen von Mensch zu Mensch, zwischen Bühne und Parkett bietet und zum Nachdenken über die eigene Lage anregt. Kunst als Lebenshilfe, nichts weniger.

Um die Auswahl der in diesem Sinne „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der Saison hat sich wieder eine siebenköpfige Theaterkritiker-Jury bemüht. Sie hat sich tapfer nicht weniger als 400 Aufführungen angeguckt. Zu 90 Prozent kam sie mit leeren Händen von ihren Prüfungsreisen zurück. 38 Inszenierungen schafften es schließlich in die Endrunde, zehn davon bekamen das Gütesiegel, durften also nach Berlin, um dort prestigekräftig  Ruhm und Ehre für ihren Herkunftsort einzuheimsen.

Auf die Sieger kommen wir gleich. Zunächst jedoch etwas über die halbglücklichen 28, die den Sprung nicht schaffen, aber nichtsdestotrotz zum inhaltlich und/oder ästhetisch Auffälligsten und Außergewöhnlichsten gehören, was auf dem Markt ist.

Am stärksten ist die potenzielle Sieger-Dichte selbstverständlich in der Hauptstadt selbst: Neun Produktionen fanden dort Kritikerzuspruch, zwei davon wurden zum Treffen geladen. Fünf der 38 sind Münchner, drei Hamburger, beide jeweils mit einer Aufführung auch auf dem Siegerpodest.

Pech gehabt haben Bonn, Köln, Stuttgart und Wien, die es immerhin jeweils auf zwei Nennungen gebracht haben. In Stuttgart sind das Christopher Rüpings Inszenierung von Nabokovs Roman „Lolita“ und Robert Borgmanns Inszenierung von Arthur Millers Everyman-Drama „Tod eines Handlungsreisenden“.

Erstmals seit langem können zwei der zehn Gekürten nicht kommen. Beides klassische Stücktitel und von großen Staatsbühnen: Schillers „Räuber“ vom Regie-Shootingstar Ulrich Rasche am Münchner Residenztheater (das Bühnenbild mit dem Riesenlaufband war nicht transportabel) und Storms „Schimmelreiter“ in der Inszenierung von Johan Simons am Hamburger Thalia-Theater (der Hauptdarsteller wurde krank). Ein weiterer Klassiker, Tschechows „Drei Schwestern“ in der Basler Inszenierung und Total-Übermalung von Simon Stone, verblüfft allein schon dadurch, dass kein Wort mehr vom Original benutzt wird und dennoch in einer nach Art einer TV-Serie zubereiteten Familiengeschichte von all dem erzählt wird, was Tschechow umgetrieben hat.

Dominierend aber sind die so genannten Freien Gruppen. Von ihnen wird zunehmend das Heil der grundlegend durchgeschüttelten Theaterkünste im digitalen Zeitalter erhofft. Alles vernetzt sich zumindest virtuell mit allem. Aus Schauspielern werden Performer, und fürs wiederbelebte Dokumentartheater des genialen Milo Rau dürfen es auch Laien sein. Endzeitszenarios. Transformationsdebatten. Lehrstücke über besseres Scheitern. Veränderungsprozesse. Warnung vor widersprüchlichen Wahrheiten. Wiederholung als Prinzip („In Zeiten des Loops“). Aber dann doch auch die Macht der Gefühle. Eben alles inklusive.

„Five Easy Pieces“, „Die Borderline Prozession“ und „Real Magic“, das sind die diesjährigen Highlights. Alle drei von international frei produzierenden Gruppen, die jeweils bis zu zehn (!) Kooperationspartner von Gent bis Singapur auf dem Programmzettel vorweisen können. Und Herbert Fritsch, der hintersinnige Groteskkomiker, erklärt alles für „Pfusch“, womit die sträflich abgeschaffte Castorf-Volksbühne den lustigsten, melancholischsten Theatertreff-Beitrag geleistet hat.

Das Ende der Volksbühne und seiner unvergleichlichen Theater-Neuerfinder Marthaler, Pollesch, Castorf und Fritsch ist natürlich das Hauptgesprächsthema beim Theatertreffen, wobei zumindest die beiden Letztgenannten Berlin erhalten bleiben, Castorf am BE mit Zola, Fritsch samt seinem wunderbaren Körpertheater-Ensemble fest an der Schaubühne. Claus Peymann, auch dessen Ende am BE signalisiert für den Juni auf dem Spielplan lauter nostalgieträchtige „letzte Vorstellungen“ – bei seinem „Nathan der Weise“ zum Beispiel heißt es stolz „zum 245. Mal!“.

Programm Der umstrittene neue Berliner Volksbühnenchef Chris Dercon (58) und sein Team haben gestern ihr mit Spannung und einiger Skepsis erwartetes erstes Programm vorgestellt. Politisch, poetisch und sehr international werden die mehr als ein Dutzend Premieren der ersten sechs Monate sein. Künstler wie der Franzose Boris Charmatz, die Syrer Mohammad al Attar und Omar Abusaada, die Deutsche Susanne Kennedy, der Thailänder Apichatpong Weerasethakul und die Dänin Mette Ingvartsen zeigen ihre Arbeiten. Gespielt wird im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz, auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof und im Berliner Stadtraum. „Wir fangen mit sehr leisen Tönen an“, sagt Dercon, der Frank Castorf als Intendant ablöst, der die Volksbühne nach 25 Jahren verlässt. dpa

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