Wer war der Meister von Meßkirch?

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Die Restauratorinnen Eva Tasch (links) und Lydia Schmidt vor der Mitteltafel des Wildensteiner Altars aus der Werkstatt des Meisters von Meßkirch.  Foto: 

Es ist wie verhext. Kein Name, keine Signatur, kein Nichts. „Seit 150 Jahren versuchen Forscher, seine Identität zu klären“, sagt Peter ­Scholz. Man kenne die Auftraggeber, man wisse, dass er zwischen 1520 und den frühen 1540ern in Oberschwaben gearbeitet haben muss. Aber wer der Meister von Meßkirch wirklich war? Auch ein Forschungsprojekt später kann man in der Staatsgalerie Stuttgart darüber nichts sagen. Noch immer gilt: kein Name, keine Signatur. Kein Nichts?

Doch, die Bilder sind da, und sie beweisen zweifelsfrei, dass da mal ein großer Künstler war. Ein bedeutender deutscher Maler der Frühen Neuzeit, der vielleicht nur deshalb nicht in aller Munde ist, weil nun mal der Name fehlt. Ein Mangel, der eigentlich den Todesstoß in Sachen Nachruhm bedeuten müsste. Einem „No Name“ eine Ausstellung zu widmen, widerspreche jedenfalls allen Gesetzen des Kunstmarkts, sagt Scholz, der als kuratorischer Assistent der Staatsgalerie fungiert.

Von Glück kann man sagen, dass der (Kunst-)Markt eben nicht alles regelt, sondern es noch Institutionen der öffentlichen Hand wie die Staatsgalerie Stuttgart gibt, die es trotzdem wagt: dem großen Mann ohne Namen eine Große Landesausstellung auszurichten. „Das wird es in den nächsten 200 Jahren nicht mehr geben“, Scholz preist die Schau schon jetzt an, Monate vor dem Start im Dezember, denn leicht riskant ist das Unternehmen schon, wenn man in Kategorien von Besucherzahlen denkt.

Um die aufwändige Schau zu bewerben, darf die Presse also ausnahmsweise einen Blick in die Werkstätten des Museums werfen, wo die Restauratorinnen Eva Tasch und Lydia Schmidt dabei sind, den Rätseln um den Meister von Meßkirch mit moderner Technologie, etwa mit Röntgenstrahlen, zu Leibe zu rücken. 13 Holztafeln haben sie untersucht.

Viel Gold und Farbe

Für die Ausstellung werden unter anderem die erhaltenen Teile jenes Altarzyklus’ zusammenkommen, den der Meister für die Kirche St. Martin in Meßkirch schuf. Auf der Staffelei in der Staatsgalerie steht als Anschauungsobjekt ein anderes Hauptwerk, die Mitteltafel des Wildensteiner Altars, der vor ein paar Jahren angekauft wurde. Die Tafel strotzt vor Gold und Farbe, und schon das macht sie bemerkenswert. Denn als der Meister von Meßkirch sie malte, tobte um ihn herum die Reformation mit aggressiver Bilderfeindlichkeit.

In protestantischen Gebieten wie Ulm vernichteten die Bilderstürmer die altdeutsche Malerei, reihenweise verloren Kollegen ihre Jobs, doch der Meister machte weiter, wo sie alle aufgehört hatten  – geschützt von eisern altgläubigen Auftraggebern wie den Herren von Zimmern, für die er auch jenen Altar machte. Um seine Maria bauscht sich das blaue Gewand, rundherum gruppieren sich die 14 Heiligen des Zimmernschen Hauses, der Heilige Martin glänzt im goldenen Ornat und die katholische Neigung zum „großen Kino“ ­(Scholz), zu gern mal drastischer Lebensnähe, lässt sich am Heiligen Rochus ablesen, dem der Engel gerade eine Pestbeule aufsticht.

Unzeitgemäß ist der Meister dennoch nicht: Seine Bilder verraten, dass er die stilprägenden und kostspieligen Druckgrafiken von Albrecht Dürer kannte und auch mit ihnen arbeitete, sagt Peter Scholz. Auf seinen Tafeln sieht man, wie er die mittelalterliche Tradition mit der Kunst der Renaissance verband – Ansichten im Hintergrund verweisen auf das italienreisende PR-Genie Dürer. Warum der katholische Meister so einzigartig ist, das können die Restauratorinnen anhand einer digitalen Skizze der Unterzeichnungen vorführen, die zeigt, dass die Gemälde bis in die Halsfalten vorgeplant waren.

„Das ist angelegt wie eine Grafik“, erklärt Lydia Schmidt und zeigt auf die Schraffuren: Durch die Alterungsprozesse der Farbe sind manche heute sogar mit bloßem Auge sichtbar. „Es ist außergewöhnlich, wie detailreich und bis ins Letzte das ausgearbeitet ist“, sagt Schmidt. Selbst die Linien unter den Versilberungen und Vergoldungen seien jeweils nochmal nachgezogen: „Er hat jeden einzelnen Strich geplant.“

Ein echter Pedant war da offenbar am Werk, der – wie zu seiner Zeit durchaus üblich – wohl die Gesichter selbst malte, aber seine Energie wohl kaum an jedes einzelne Gewand verschwendete. Zumindest förderte das Infrarot Bezeichnungen für Pigmente zutage, die wahrscheinlich als Anleitung zur Ausmalung für die Gesellen galten – ein „bla“ am tuchbedeckten Knie einer Heiligen Kunigunde darf wohl als der Hinweis „blau“ verstanden werden. Was nebensächlich klingen mag, ist ein wichtiger Beleg dafür, dass der Meister von Meßkirch eine große Werkstatt gehabt haben muss.

Seine Auftraggeber hatte er ja, man kann sie auf den Bildern kennenlernen. Das Stifterpaar Gottfried Werner und Apollonia von Zimmern kniet auf den Innenseiten der Drehflügel. Gerade die Männerfiguren des Meisters wiesen individuelle Züge auf, erklärt Peter Scholz. Nur vom Künstler: keine Spur.

Die Große Landesausstellung zum Meister von Meßkirch, „Katholische Pracht in der Reformationszeit“, beginnt in der Staatsgalerie Stuttgart am 8. Dezember. 200 Exponate sollen zu sehen sein, darunter mehr als 50 der 80 erhaltenen Werke des Meisters von Meßkirch. Sein Schaffen wird in den Kontext von Albrecht Altdorfer, Hans Baldung Grien, Lucas Cranach d. Ä. und Albrecht Dürer gestellt.

Öffnungszeiten sind Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Es erscheint ein Katalog, der für 39.90 Euro im Museumsshop erhältlich sein wird.

Mehr Infos unter
www.staatsgalerie.de

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