Neuer Krimi von Leonie Swann: Wenn der Papagei ermittelt

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Leonie Swann: Gray. Goldmann, 416 Seiten, 20 Euro.  Foto: 

Mit „Glenkill“ wurde Leonie Swann über Nacht berühmt und stürmte die Bestsellerlisten. Aber die Geschichte war ja auch zu zauberhaft. Eine Schafherde beschließt, den Mörder ihres Schäfers zu überführen – mit allen Unzulänglichkeiten der nicht gerade als besonders draufgängerisch geltenden Spezies. Doch die ruhige Beharrlichkeit der Tiere, die sehr genau wissen, wie man sich als Opfer fühlt, der Charme ihres unbeirrbaren Optimismus  und die skurrilen Charaktere im Schafsfell  fanden Millionen Leser weltweit. In „Garou“ hat Leonie Swann diesen Kosmos noch um ein paar Ziegen erweitert. Und dann Weide Weide sein lassen,  bevor aus der charmanten Idee eine Masche wurde. Danke.

Jetzt hat sie sich zurückgemeldet: wieder mit einem tierischen Hauptdarsteller. Dem Graupapagei Gray. Der gehört eigentlich dem arroganten Studenten Elliott Fairbanks. Doch der designierte Lord ist tot. Offensichtlich abgestürzt bei einer Kletterpartie an der King’s College Chapel, dem ältesten Teil der Universität von Cambridge. Der Vogel wählt sich daraufhin Elliotts Tutor, den etwas trotteligen und zwanghaften Dr. Augustus Huff als neuen Beschützer. Der findet im Zimmer von Fairbanks Fotos, die Universitätsmitarbeiter und Dozenten in höchst verfänglichen Situationen zeigen.  Auch Huff ist in einer solchen abgelichtet. Der Tutor hat ein Problem: Er hat ein Motiv, kein Alibi für die Tatzeit, und Huff ist selbst ein ausgezeichneter Kletterer. Drei Dinge, die ihn verdächtig machen.

Huff beschließt, Elliots Mörder zu finden – mit Gray auf der Schulter, der sich schlicht weigert, diesen Platz zu verlassen. Huff muss das vorlaute Federvieh mitschleppen, dessen Geplapper ihn anfänglich amüsiert, dann eher nervt – bis Huff merkt, dass Elliot Fairbanks diesem Tier eine ganz spezielle Ausbildung hat angedeihen lassen. Gray erkennt Farben und Formen, kann sie auch zuverlässig benennen, ist zudem ein brillanter Stimmenimitator. Und: Mit Gray auf der Schulter wird Huff nahezu unsichtbar, für viele ist er nur der Typ mit dem Papagei, also irgendwie Elliott Fairbanks. Eine anfänglich verwirrende Situation, die sich Huff ebenso zunutze macht wie das gar nicht so sinnlose Geplapper Grays. So ähnlich die Konstellation auf den ersten Blick wirken mag: „Gray“ ist völlig anders angelegt als „Glenkill“.

Denn  die Geschichte wird nicht aus der Sicht des Tieres erzählt, und der Papagei ist auch nicht der Detektiv, sondern eher dessen lautstarker Souffleur. Zudem ist die Rolle des Vogels wesentlich näher an der Realität als ein Schaf als Ermittler, das weiß auch Leonie Swann: „Ich habe schon lange eine Schwäche für Graupapageien. Angefangen hat das noch während meines Studiums, als ich zum ersten Mal von den Alex-Studien an der Universität von Harvard gehört habe. Alex ist der Vogel, der der Welt gezeigt hat, was so ein kleines Papageienhirn alles leisten kann. Genau wie Gray konnte Alex sprechen, zählen und Worte verstehen, abstrakt denken und Kategorien unterscheiden.“

Und auch was den Schauplatz des Geschehens angeht, kennt sich die erfolgreiche Autorin aus Bayern, die sich das Pseudonym Leonie Swann zugelegt hat, bestens aus. Denn Swann hat einen Wohnsitz in Cambridge, hat dort viele Freunde, die an der berühmten Universität mit ihren 31 Colleges  arbeiten.

Sie versteht auch die skurrilen Seiten des akademischen Lebens dort: „Da gibt es Studenten, die Schnecken als Haustiere halten, Hunde, die per Dekret zur Katze erklärt werden, Versammlungen, die darüber abstimmen, ob es am College einen Geist gibt oder nicht.“ Noch etwas ist real: die besondere Cambridger Variante des Kletterns.

Diese ist auch als Buildering oder Night Climbing bekannt. „Dabei geht es  zum einen darum, in tollkühnen Nacht-und-Nebel-Aktionen die Türme und Zinnen von Cambridge zu bezwingen, zum anderen ist es aber auch wichtig, sich dabei nicht von der Polizei oder den College-Autoritäten erwischen zu lassen. Oft endeten Klettertouren in wilden Verfolgungsjagden mit den Ordnungshütern. Die Verwegenheit und Heimlichkeit dieses Studentensports haben mich sofort verzaubert. Es ist eine charmante Mischung aus Humor, jugendlichem Leichtsinn und Todesverachtung, die sehr gut zu meiner Figur, dem jungen Aristokraten Elliot, passt.“

Diese realen Fakten mischt Leonie Swann in „Gray“ zu einem wunderbar schrägen Krimi, der das Zeug hat, den Erfolg von „Glenkill“ und „Garou“ zu wiederholen.

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