Weil es so war – NS-Geschichte in Berlin

Der Berlin Story Bunker zeigt eine umfassende Dokumentation des Nationalsozialismus’ – ohne staatliches Geld, aber mit viel Engagement.

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    Ein Blick in die Untiefen des alten Bunkers. Foto: 
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    An historischem Ort: Die Ausstellung im ehemaligen Luftschutzbunker des Anhalter Bahnhofs. Foto: 
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Hitler ist kaputt. Ein Foto vom zerbombten Berlin, Steine, ein „Volksempfänger“ und eine Trommel der Hitlerjugend, die in den künstlichen Schutt gelegt wurden, symbolisieren das Ende der Naziherrschaft. Mittendrin der kaputte Hitler. „Wir haben hier vor ein paar Tagen eine Hitlerbüste zerschlagen“, sagt Wieland Giebel. So richtig zufrieden ist der Vorstandsvorsitzende von Historiale e.V. nicht. „Wir müssen das nochmal anders machen. Die Büste ist zu braun. Die geht hier in dem Schutt unter“. Und Giebel findet: „Hitler gehört auf den Schutthaufen der Geschichte.“ Auf der Homepage  des Vereins ist die Aktion als Video abrufbar. Antifaschismus und Marketing in einem. Denn natürlich geht es darum, Besucher in die ohne staatliche Hilfe organisierte Ausstellung über Hitler und den Nationalsozialismus zu holen.

„Wenn man jemandem erzählt, dass man eine Ausstellung über Hitler vorbereitet, dann ist die häufigste Frage: Warum denn noch eine?“ Enno Lenze, der im ehemaligen Luftschutzbunker für Reisende des Anhalter Bahnhofs ehrenamtlich arbeitet, hat eine Antwort. Oder besser zwei. Einerseits erlebt er erschreckendes Unwissen. Zum Beispiel bei Führungen von Schulklassen. „Warum haben die Juden Hitler finanziert?“ Oder: „Wer hat die Nazis in die Bunker getrieben, um sie zu vergasen?“ Andere wollen wissen, wie es Hitler 1945 nach Argentinien geschafft hat. „Zwei dieser drei Fragen kamen übrigens von Lehrern“, sagt Lenze.

Die Mitglieder des Historiale-­Verein wollen sich aber nicht über derartige Fragen lustig machen, sondern sich ihnen stellen. Ein Raum in der nach Eigendarstellung „umfassendsten Dokumentation zu Hitler und dem Dritten Reich“ ist Verschwörungstheorien  gewidmet. So erfährt man etwa, dass es wirklich ein deutsches U-Boot gegeben hat, das erst am 17. August 1945 in den Hafen von Mar del Plata einlief. Aber nein, Hitler war nicht an Bord von U-977.

So vollständig wie nirgends sonst

Ein anderer Raum zeigt ein Foto mit der Unterschrift: „Die Asche von Adolf Hitler, Eva Braun, sowie von Joseph und Magda Goebbels und der sechs Kinder wurde am 5. April von der Schweinebrücke in die Ehle gekippt.“ Die Aktion wurde von einer Sondereinsatzgruppe des KGB ausgeführt. Bis dahin hatten die sterblichen Überreste auf einem sowjetischen Militärgelände nahe Magdeburg gelegen. 1970 wurde das Gelände an die DDR übergeben. Da musste Hitler weg.

Die meisten Informationen sind keineswegs neu, aber nirgendwo wird die Geschichte des Nationalsozialismus’ so vollständig gezeigt. Von der Zeit vor Hitlers Geburt bis 1945. Dies ist der zweite Grund für die Präsentation durch einen Verein, der von Spenden, Buchverkäufen und Eintrittsgeldern lebt. „Eigentlich müsste so etwas staatlich finanziert werden und kostenlos zugänglich sein“, sagt Lenze. Aber die staatlichen Museen hätten regelrecht Angst. „Waren Sie mal im Deutschen Historischen Museum?“, fragt Giebel. „Und wenn ja, erinnern Sie sich an den Teil, der sich mit der NS-Zeit beschäftigt?“ Der 67-Jährige wirkt entrüstet. „Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht. Kein Wunder bei dem bisschen Platz, den man für das Thema eingeräumt hat.“ In der Ausstellung am Anhalter Bahnhof werden Dokumente präsentiert, die noch nicht zu sehen waren. Manches ist nur schwer zu ertragen. Zum Beispiel die grausamen Fotos, die zeigen, wie Ukrainer während der Zeit der Besatzung ihre jüdischen Mitbürger nackt durch die Straßen treiben und erschlagen. Darf man das zeigen? Die Macher haben die Frage mit Ja beantwortet. „Weil es so war“, sagt Enno Lenze. Erschütternd die Kinderzeichnungen aus Auschwitz. Eine trägt die Überschrift „Aussuchung zum Tod“.

Wie alles angefangen hat, zeigen Dokumente, die erst jetzt entdeckt wurden und einem Preis­ausschreiben entstammen. Es galt 1934, den schönsten Bericht darüber zu schreiben, wie man zum Nationalsozialismus gekommen war. Die Frage: „Wie konnte es geschehen?“ wird trotzdem nicht beantwortet.

Die Schau endet mit der „Dokumentation Führerbunker“, die im Herbst eröffnete, darin das nachgebaute Arbeitszimmer Hitlers. Manche fürchteten, der Bunker würde zum Wallfahrtsort für Neonazis. In der Stiftung „Topografie des Terrors“ sprach man von einer „Disneylandvariante“. Angesehen hätten sich die Museumskollegen die Dokumentation nicht, sagt Lenze. „Dafür haben wir an die hundert Morddrohungen aus der rechten Ecke bekommen. Und Sprüche wie: ,Du gehörst nach Auschwitz. Dich hat Adolf bloß vergessen.’ Das sind noch die harmlosen.“ In der letzten Woche seien 400 davon eingetroffen. „Die hassen uns wie die Pest“, sagt Lenze. „Und damit sind wir sehr zufrieden.“

Die Ausstellung „Hitler – Wie konnte es geschehen?“ zeigt die gesamte Zeit des Nationalsozialismus’. In der Präsentation findet sich unter anderem eine Recherchestation, an der man „Hitler – das Itinerar“ im Volltext durchsuchen kann. Öffnungszeiten im Berlin Story Bunker (Schönebergerstr 23a): Mo bis So 10-19 Uhr.

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