Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn Hitler bei einem Attentat ums Leben gekommen wäre? Fiktion - aber auch Historiker beschäftigen sich mit solchen Fragen.

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Bernd Kleeberg denkt oft über eine Frage nach: "Was wäre, wenn?" Kleeberg ist Juniorprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der Uni Konstanz und forscht unter anderem zu sogenannten kontrafaktischen Gedankenexperimenten in Natur- und Geisteswissenschaften. "Vor allem geht es um Ereignisse mit hoher historischer Relevanz und medialer Präsenz." Die Disziplin befasst sich also mit Fragen wie: Was wäre, wenn Hitler nie an die Macht gekommen wäre? Oder wenn die Berliner Mauer noch stünde? Allerdings geht es Kleeberg weniger um konkrete Ereignisse, als um die Forschung selbst. Er untersucht, wie die wissenschaftliche Methode der Kontrafaktizität aufgekommen ist und welche Forscher sich zuerst damit beschäftigt haben: "Um 1900 gab es die ersten wissenschaftlichen Diskussionen über kontrafaktische Geschichtsschreibung".

Einer der bekanntesten Vertreter der kontrafaktischen Schule ist der 2013 gestorbene Robert William Fogel. Der Wirtschaftshistoriker lehrte in Chicago und erhielt 1993 den Nobelpreis für seine kontrafaktischen Analyse. Deutsche Historiker, die sich wie Kleeberg explizit mit kontrafaktischen Modellen befassen, sind eher selten. Denn Kontrafaktizität ist interdisziplinär geprägt, nicht nur Historiker arbeiten mit den Methoden. "Was wäre, wenn?", fragen sich auch Sozialpsychologen und Literaturwissenschaftler.

Der Name der Disziplin leitet sich aus dem Lateinischen ab, "contra facta" bedeutet so viel wie "entgegen den Tatsachen". Der Ursprung liegt im Strafrecht. Um die Idee dahinter zu verstehen, hilft ein oft zitiertes Beispiel des Wahrscheinlichkeitstheoretikers Johannes von Kries: Angenommen, ein betrunkener Kutscher fällt in den Sekundenschlaf und nimmt eine falsche Abfahrt. Er gerät mit seiner Kutsche in ein Unwetter und der Fahrgast wird vom Blitz getroffen. Was aber, wenn der Kutscher nicht eingeschlafen wäre? Ist seine Trunkenheit dafür verantwortlich, dass der Fahrgast vom Blitz getroffen wurde? Was wäre, wenn der Kutscher nüchtern gewesen wäre? Hätte er die richtige Abfahrt genommen und das Unwetter verpasst? In diesem Fall müsste ein Richter entscheiden, wie der Kutscher zu bestrafen ist.

Ein viel diskutiertes Ereignis der kontrafaktischen Geschichtsforschung ist das Attentat von Sarajevo. Der Anschlag auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand gilt als Auslöser des Ersten Weltkriegs. Was wäre aber passiert, wenn das Attentat nicht geglückt wäre? Heiko Brendel von der Uni Mainz muss da nicht lange überlegen: Er lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität und promovierte zur österreichisch-ungarischen Besatzung Montenegros im Ersten Weltkrieg. "Ich gehe davon aus, dass, auch wenn Franz Ferdinand nicht ermordet worden wäre, ein dem Ersten Weltkrieg ziemlich ähnlicher Konflikt über kurz oder lang ausgebrochen wäre."

Etliche Einflussfaktoren zu dieser Zeit hätten einen Konflikt stark begünstigt: die Rüstungswettläufe der Großmächte, ein weit verbreiteter aggressiver Nationalismus, sozialdarwinistische Tendenzen und das damalige Verständnis der Außen- und Außenwirtschaftspolitik mit Krieg als Mittel der Politik. "Es hätte schon eine recht große Verkettung sehr glücklicher Umstände geben müssen, um einen offenen europäischen Großmachtskonflikt in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts zu verhindern", sagt Brendel.

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