Von Harry zu Barry

Gibt es ein Leben nach Harry Potter? Für die Leser: ja. Für seine Erfinderin: auch, auf jeden Fall privat. Wie sich J.K. Rowlings literarische Zukunft gestaltet, hängt vom Erfolg ihres Erwachsenenromans ab.

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J. K. Rowling hat mit "Ein plötzlicher Todesfall" ein Buch für Erwachsene geschrieben.  Foto: 

Das Buch sieht aus wie ein Edgar Wallace oder eine Agatha Christie aus Goldmanns roter Taschenkrimireihe der 50er Jahre. Irgendwie altmodisch. Dem Vernehmen nach sollte das Cover von Designer Mario J. Pulice und Illustrator Joel Holland so wenig wie möglich vom Inhalt des Buches preisgeben. Denn der war bis gestern streng geheim.

Auch der Titel des ersten explizit an eine erwachsene Leserschaft gerichteten Romans von Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling klingt klassisch, für heutige Verhältnisse fast schon etwas lahm: „Ein plötzlicher Todesfall.“ Die Doppeldeutigkeit des Originals, „The Casual Vacancy“, das einen unerwartet freigewordenen Gemeinderatssitz ebenso wie allgemein eine Leerstelle bezeichnet, geht verloren.

Dabei passt das so gut zu diesem Roman, in dem die eigentliche Hauptfigur schon auf der dritten Seite stirbt. Die folgenden fast 600 Seiten ranken sich darum, wie sich der Tod, das hirnschlagbedingte Verschwinden, die fortan unumkehrliche Abwesenheit des 44-jährigen Gemeinderats und Rudertrainers Barry Fairbrother auf den kleinen Ort im Westen Englands, in dem er aufgewachsen war und lebte, auswirkt. Auf seine Familie, seine Freunde, vielmehr aber noch auf seine politischen Gegner, auf Projekte, für die er sich einsetzte, und nicht zuletzt seinen Schützling, die 16-jährige Krystal Weedon aus der nahen Sozialwohnungssiedlung.

Auch die Erzählung ist weitgehend konventionell, die Ereignisse werden streng chronologisch dargestellt. Keine schnellen Schnitte, auch wenn der Leser aus verschiedenen Perspektiven erfährt, was sich in Pagford tut. Rowling lässt sich Zeit, ihr Personal vorzustellen, umreißt gekonnt das Setting, die Schule, die ehrenwerte Gesellschaft. Die wird schön satirisch skizziert, an anderen Stellen, wenn es etwa um vernachlässigte Kinder und gemobbte Schüler geht, berührt die 47-Jährige mit psychologischer Tiefe, streut Köder, die neugierig, und Hinweise, die skeptisch machen. Das ist typisch für diese Autorin, die mit leichter Hand eine Welt kreiert und dabei ihre Leser ganz gern auch mal an der Nase herumführt. Zwar hatte sich die Erfinderin des weltberühmten Zauberschülers mit der charakteristischen Narbe an der Stirn, die Frau hinter acht Blockbuster-Filmen, die reichste Schriftstellerin der Welt vor fünf Jahren vom siebenbändigen Hogwarts-Kosmos verabschiedet, der sie in ebenfalls fünf Jahren vom Sozialhilfe- in den Milliardärsstand katapultiert hatte. Aber letztendlich handelt auch dieses Buch wieder von den Tücken der Pubertät, von Freundschaft und Familie, von Falschheit und Missgunst. Von der Gesellschaft, vom Leben an und für sich. Oder wie es am Ende des ersten der sieben Teile heißt: vom „Ficken und sterben. (...) Das ist es, oder?“

Was die zu erwartenden Verkaufszahlen angeht, muss sich Joanne K. Rowling trotz Genre-Wechsels keine Sorgen machen. Gelesen wurden die Harry-Potter-Bücher, die eine ganze Generation kindlicher Gameboy-User zum Bücherlesen verführten und der Kontaktlinsen-Industrie vor allem in Japan erhebliche Einbußen bescherten, auch schon von Erwachsenen. Zudem ist die Fanschar mit ihren Helden Harry, Hermine und Ron gereift. Finanziell kann sich auf die aus der Nähe von Bristol stammende, in einem Dorf in Südwales aufgewachsene und heute in Edinburgh lebende Mutter dreier Kinder nach weltweit mehr als 450 Millionen verkauften Büchern ohnehin zurücklehnen: Mit einem geschätzten Vermögen von 560 Millionen Pfund Sterling (rund 701 Millionen Euro) und einem Arzt als Mann im Rücken droht kein Ruin.

Dennoch wirkte Rowling zuletzt etwas nervös. Da ihr schon mit sechs klar war, dass sie mal Schriftstellerin werden wollte, befindet sie sich karrieretechnisch in der Situation von Romy Schneider nach drei Sissi-Filmen. Sie will sich mit „Ein plötzlicher Todesfall“ als ernsthafte Vertreterin ihres Fachs beweisen. Floppt das Werk, wird sie womöglich wie die großartige Harper Lee in der Märchenschublade festgeklemmt. Oder sie kehrt reumütig vom toten Titelhelden Barry zu ihrem früheren Helden Harry zurück – wie ein weiterer Edinburgher Erfolgsautor früherer Zeiten, Arthur Conan Doyle zu Sherlock Holmes.

Auch wenn der vermutlich aufsehenerregendste Roman dieses Jahres zu spät an die Redaktionen geliefert wurde, um am Tag nach dem Verkaufsstart schon eine umfassende Rezension abzuliefern, lässt sich nach den ersten 200 Seiten so viel sagen: Das Modernste daran ist der Hype, der bis zuletzt darum gemacht wurde. Um die perfekte PR-Maschinerie zu durchbrechen, heuerten Presseleute sogar Design-Experten an, um das vorab publizierte Retro-Cover auf versteckte Themen-Hinweise hin zu untersuchen. Ein Krimi, wie dieses vermuten ließe, ist es nicht geworden, und auch kein literarischer Paukenschlag. Aber ein spannender, gut erzählter Gesellschaftsroman.

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