Verminte Geschichte

Die ARD hat ein Rommel-Paket geschnürt, das differenziert den Mythos erzählt und sich um historische Wahrheit bemüht. Ulrich Tukur spielt in einem TV-Spielfilm den Generalfeldmarschall eher jovial.

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Ulrich Tukur spielt einen jovialen Rommel, dessen führertreues Weltbild zerbricht (rechts Hary Prinz als Leo Geyr zu Schweppenburg). Foto: SWR/Walter Wehner

Ein deutscher Mythos zur besten Sendezeit: Als vor mehr als einem Jahr die Dreharbeiten für Niki Steins Spielfilm "Rommel" begannen, hatte sich die Familie des Generalfeldmarschalls allerdings darum gesorgt, dass ihr Vorfahre fürs Fernsehen reißerisch als "Nazi-Verbrecher" verkauft werde. Die soundsovielte Debatte über den Mythos Rommel entbrannte.

Bei Kaffee und Butterkuchen hatte sich Produzent Nico Hofmann (Teamworx) dann mit der Familie, darunter Erwin Rommels Sohn Manfred, ausgesprochen. Jetzt kommt der Sechs-Millionen-Euro-Film ins Erste, und nach der gestrigen Pressevorführung im Funkhaus des mitproduzierenden SWR lässt sich sagen, dass Regisseur Stein gewiss kein provozierend neues Bild des "Wüstenfuchses" Erwin Rommel geschaffen hat. Auch Titelheld Ulrich Tukur beruhigte gestern: "Die Familie kann sehr gelassen dem Film entgegen sehen."

So ist es. Noch kennen die Rommels das Ergebnis nicht, den "äußerst sensiblen und respektvollen Umgang" mit dem Thema werden sie schätzen. So formuliert es Tukur selbst. Er spielt den Erwin Rommel nicht als verzweifelten Militaristen, eher gemütlich als jovialen Schulterklopfer, der mit seinen Leuten schwäbisch schwätzt, der kein Nazi ist, dem der Menschenverstand 1944 sagt, dass der Krieg verloren ist, der schwer um seine Fassung ringt, der Hitler die Meinung sagt, der sich aber nicht entschieden auf die Seite der Verschwörer stellt. Und der nach einem Fliegerangriff schwer verwundet im Lazarett liegt, als das Attentat am 20. Juli scheitert. In Ungnade ist Rommel längst gefallen. Am 14. Oktober 1944 überbringen ihm zwei Generäle das Todesurteil: erzwungener Selbstmord.

Mit der Ankunft der Generäle in Herrlingen beginnt Steins TV- Spielfilm, dann blendet er zurück und erzählt die letzten sieben Monate im Leben Erwin Rommels. Eine originale Wochenschau führt mit Überblende den Darsteller Tukur ein. Die Produzenten haben eine bestaunenswerte Männerriege aufgeboten, Johannes Silberschneider spielt eine Hitler-Karikatur, Benjamin Sadler den schillernden General Speidel. Action-Szenen werden meist aus historischem Material reingeschnitten, beeindruckend die Originalkulisse von Schloss La Roche-Guyon, Rommels Hauptquartier in Frankreich. Selbst die schöne Comtesse (Vicki Krieps), die in diesem Film neben Rommels nicht sonderlich handlungswichtiger Gattin Lucie (Aglaia Szyszkowitz) als Angehörige der Résistance die Frauenquote hebt, gab es wirklich. Das ist Steins gemäßigt emotionalem, wohltuend unpathetischem Spielfilm nun wirklich anzusehen: das rechtschaffene Bemühen um Faktentreue, das beim Zuschauer freilich historisches Wissen einfordert.

Problematisch ist die Konzentration auf die letzten sieben Monate Rommels. Stein zeigt nicht den unaufhaltsamen Aufstieg eines äußerst ehrgeizigen und führertreuen, ja von Hitler faszinierten Offiziers zum Generalfeldmarschall, der erst an seinem Idol zu zweifeln beginnt, als er, Rommel, selbst in Afrika seinen Krieg verliert und Durchhaltebefehle aus Berlin verweigert. So ist die klassische Tragödie vom Untergang eines Helden schwer darstellbar - ganz abgesehen von der Frage, ob sich die historische Figur Erwin Rommel für ein solches Dramen-Korsett eignet.

Die Dokumentation von Thomas Fischer, die von der ARD unmittelbar im Anschluss an den Spielfilm ausgestrahlt wird, aber erzählt den ganzen Rommel, und das nachvollziehbar. Rommel habe 1944 zwar Kritik am System geübt, aber auch gehofft, dass sich alles noch richten werde - womit er "eine moralische Katastrophe für die Verschwörer" gewesen sei, sagt der Historiker Peter Steinbach. Rommel-Biograf Ralf Georg Reuth urteilt ähnlich: Rommel sei bewusst gewesen, dass bei einer fundamentalen Kritik an Hitler auch von ihm selbst, dem populärsten General und Star der Nazi-Propaganda, nicht viel übriggeblieben wäre.

Ob Rommel am 20. Juli Hitler "verraten" hätte, weiß man nicht. Er war Täter, Opfer, jedenfalls kein strahlender Held des Widerstands: eher ein getriebener Mensch, dem die Welt zusammenbricht. So kommt Fischers Dokumentation zu einem ähnlichen Fazit wie Steins Fernsehfilm - nur klarer erzählt: Rommel hätte den Mut gehabt, den Krieg im Westen auch gegen den Willen Hitlers zu beenden, doch es gelang ihm bis zum Schluss nicht, sich innerlich von Hitler zu lösen.

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