Umberto Eco hat eine Geschichte der Legenden-Städte und -Länder geschrieben

Wo noch keiner war, ist es am schönsten. In Zeiten des globalen Flugverkehrs trifft das Kriterium des Unentdeckten und Unberührten freilich auf immer weniger Destinationen zu. Die Menschen in Antike und Mittelalter hatten es, so gesehen, wesentlich einfacher.

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Umberto Eco erforscht in seinem neuen Buch Fantasie-Orte. Foto: dpa

Wo noch keiner war, ist es am schönsten. In Zeiten des globalen Flugverkehrs trifft das Kriterium des Unentdeckten und Unberührten freilich auf immer weniger Destinationen zu. Die Menschen in Antike und Mittelalter hatten es, so gesehen, wesentlich einfacher. Zwar scheiterten damals viele reale Reisen an der Unsicherheit der Verkehrswege und der Unzulänglichkeit der geografischen Angaben - "Wenn du von Rom nach Jerusalem willst, dann geh nach Süden und frage unterwegs", hieß es in einem mittelalterlichen Pilgerführer - was man aber nicht so genau kannte, ließ sich umso üppiger ausmalen. In Sagen und Gesängen von gefräßigen Unterweltmonstern, glückseligen Inseln oder Südkontinenten, auf denen sich Kopffüßler ihres verdrehten Lebens freuten: Lieblingsziele nicht nur der Dichter, sondern auch der Religionsstifter und philosophischen Welterklärer.

Den Planeten der geografischen Fantasie zu vermessen, muss eine kolossale Aufgabe gewesen sein. Umberto Eco hat sich ihr gestellt und eine "Geschichte der legendären Länder und Städte" geschrieben. Schon ein erstes Durchblättern offenbart: Hier hält man einen Prachtband in Händen.

Der 81-jährige Romancier und Gelehrte schöpft aus seinem reichen Leseleben, wenn er mit Odysseus durchs Mittelmeer kreuzt, biblischen Fantasygestalten wie der Königin von Saba nachspürt oder mit Torquato Tasso kulinarisch-erotische Paradiese wie den Garten der Armida besichtigt. Die bibliomanischen Welt-Entwürfe alteuropäischer Gelehrsamkeit kommen ebenso zur Sprache wie der höhere und niedere Unterhaltungsexotismus, der Eco etwa in den Expeditionsmärchen eines Jules Verne begeistert.

Das Buch kombiniert die kulturhistorische Darstellung mit zahlreichen Leseproben und hochwertigen Illustrationen, womit der Autor das Schema seiner ästhetiktheoretischen Bände über die Geschichte von Schönheit und Hässlichkeit wieder aufgreift. Überwog dort aber noch der Anspruch der allgemein verständlichen Einführung in ein geisteswissenschaftliches Thema, ist der aktuelle Band zugleich Anstiftung zum Schmökern. Auch, weil so mancher als trivial unterschätzte Fabulierkünstler aus den Niederungen des Trashs gerettet wird. Wahrscheinlich macht sich manch einer, nachdem er die farbenfroh schrille Dschungelfantastik Emilio Salgaris oder Edward Bulwer-Lyttons Abenteuer im unterirdischen Riesenpilzwald in Ausschnitten kennen gelernt hat, gleich ins Internet auf, um zu schauen, was von diesen vergessenen Autoren noch in den Antiquariaten schlummert.

Trotz einiger humoristischer und zeitkritischer Seitenhiebe (so auf Bestsellerfabrikant Dan Brown), vergisst Eco niemals die Prinzipien seines Philologenhandwerks. Seine gesamte Argumentation beruht auf der Voraussetzung, dass sich in einer von kreuz und quer laufenden Diskursen bestimmten Textwelt die Fiktionen gegenseitig befruchten. Deshalb spuken die beliebtesten Lügenorte in diversen Varianten und Coverversionen durch die Epochen. Den Gral der Artuslegende etwa lokalisierten schreibende Spekulanten mal in England, dann in den Pyrenäen und schließlich sogar irgendwo im Kaukasus.

Immer wieder tauchen auch durchtriebene Geschäftemacher auf, die Erdachtes zur baren Münze erklären und Leichtgläubigen das Haus von Sherlock Holmes in der Baker Street oder Ricks Café aus "Casablanca" als realen Ort präsentieren. Nicht zuletzt zur Entzauberung dieser kommerziell motivierten Scharlatanerien möchte der italienische Star-Intellektuelle einen Beitrag leisten. Was erdichtet wurde soll Dichtung bleiben. Manche Plätze sind einfach zu schön, um in Wirklichkeit zu existieren.

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