Ulmer Intendantenwahl: Die Finalisten

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Auf dem gottverlassenen Bahnhof von Altenbeken, am Rande des Teutoburger Waldes,  wartet SPD-Stadträtin Dorothee Kühne auf den Anschluss nach Detmold. Dort im Landestheater stoßen die Ulmer Kulturbürgermeisterin Iris Mann, Lena Schwelling (Grüne) und Angela Weißhardt, die Verwaltungsdirektorin des Theaters Ulm, mit Pausen-Sekt an. Auch Ralf Milde (FDP) schaut sich an einem Sonntag im November in Ostwestfalen-Lippe die „Meistersinger von Nürnberg“ an. Aber hallo! Trifft man hier auf anonyme Ulmer Wagnerianer, die sechs Stunden mit dem Zug fahren, um eine Inszenierung zu sehen?

Nein, die Findungskommission ist unterwegs: Und es geht nicht direkt um die „heil‘ge deutsche Kunst“, die Hans Sachs in dieser Wagner-Oper propagiert, sondern um die Nachfolge des Andreas von Studnitz, um die Suche nach einem neuen Intendanten, einer neuen Intendantin des Theaters in Ulm. Am 14. Dezember wählt der Gemeinderat: Drei Kandidaten stehen im Finale, und Kay Metzger, Regisseur und Intendant des Landestheaters Detmold, gehört dazu.

76 Bewerber hat die Findungskommission, beraten von Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin),  Holger Schulze (Heidelberg) und Bettina Jahnke (Neuss),  gesichtet. Neun Aspiranten durften sich vorstellen, drei Finalisten hat der Kulturausschuss in nichtöffentlicher Sitzung jetzt dem  Gemeinderat empfohlen. „Ich habe mich riesig gefreut, dass wir so gute Bewerbungen hatten“, sagte Iris Mann auf Anfrage zur SÜDWEST PRESSE. Sie bewundert die drei Finalisten ob ihres großen Engagements, alle hätten sie die Ulmer Theaterverhältnisse gründlich erkundet, sich auch den Fraktionen vorgestellt.  Kommentieren wollte sie die Qualitäten der Finalisten freilich nicht.

„Meistersinger“ in Detmold

Regie führender Intendant oder dramaturgischer Manager? So lautete eine Kernfrage in der Intendantensuche. Jetzt sind es zwei Männer und eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die bereits Intendant sind oder waren und auch Regie führen: neben Metzger (56) noch Nicola May (53) vom Theater Baden-Baden und Matthias Fontheim (60), zuletzt Staatstheater Mainz.

Aktuell die Regie-Künste eines Kandidaten begutachten, das konnten die Ulmer nur in Detmold: ausgerechnet ein Großwerk des Repertoires, die heiklen, sechs Stunden langen „Meistersinger“! Und was soll man sagen: Diese Aufführung ist ein Beispiel für die weltweit bewunderte deutsche Theaterlandschaft, die aus dem Erbe der Kleinstaaterei gewachsen ist. Eine 75 000-Einwohner-Provinzstadt zeigt in einem stattlichen Ex-Hoftheater mit 600 Plätzen und großer Tradition die „Meistersinger“, und zwar sehr respektabel. Das Orchester ist kleiner als das in Ulm, verfügt nur über 52 Planstellen, gehört aber zur Tarifklasse B – so könnte, die Ulmer horchen auf, der Trick mit einer Höhergruppierung der Philharmoniker funktionieren. Mit Lutz Rademacher dirigiert in Detmold ein vorzüglicher Generalmusikdirektor.

Alle Wagner- Opern hat Kay Metzgers schon inszeniert, selbst den „Ring“, seine „Meistersinger“ fallen  auf einer  putzigen Nudelbrettbühne sehr gediegen aus:   gute Personenführung, komödiantischer Zugriff, kluge Kommentare. Ein bisschen Sommernachtstraum mit einem Puck, einem hinzuerfundenen Pantomimen, der verzaubernden Goldregen wirft, die Spielfäden in der Hand hält. Und nach dem  markerschütternden Wach-auf-Chor  zeigt Metzger leise ironisch, wo alles endet: in spießiger deutscher Eigenheim-
idylle.

Das sind die drei Finalisten für die Wahl der Theaterintendanz:

Kay Metzger, 1960 in Kiel geboren, war Regieassistent von August Everding, Oberspielleiter in Halberstadt und Coburg, von 1995 bis 1998 Intendant am Nordharzer Städtebundtheater. Seit 2005 leitet er das Landestheater Detmold und ist seit 2011 Vorsitzender des Landesbühnengruppe im Deutschen Bühnenverein.

Nicola May, 1963 in Bonn geboren, studierte Musik- und Theaterwissenschaft, war Dramaturgin in Bern, Karlsruhe und Paris, dann Chefdramaturgin für Oper, Ballett und Schauspiel am Stadttheater Bern. Seit  2004 ist sie Intendantin des Theaters Baden-Baden (reine Schauspielbühne). Auch sie ist Funktionärin im Deutschen Bühnenverein, vertritt ihn im Rundfunkrat des SWR. Nicola May führt  ab und an Regie, so probt sie jetzt Lessings „Nathan der Weise“ (Premiere am 27. Januar).

Matthias Fontheim, 1956 in Krefeld geboren, studierte in Zürich Schauspiel und war Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus. Nach Jahren als freier Regisseur stieß er 1989 zum Team von Intendant Eberhard Witt am Staatstheater Hannover und wechselte mit ihm 1993 ans Münchner Residenztheater. Von 2000 bis 2006 leitete Fontheim das Schauspielhaus Graz, wo er mit dem Dirigenten Philippe Jordan seine erste Oper inszenierte („Ariadne auf Naxos“). Von 2008 bis 2014 war er Intendant am Staatstheater Mainz. Seither ist er freischaffender Regisseur.

Wechsel Seit der Spielzeit 2006/2007 leitet Andreas von Studnitz das Theater Ulm. Der neue Intendant/die neue Intendantin tritt dann zur Saison 2018/2019 an. Das Theater Ulm erhält 13,5 Millionen Euro Zuschuss von der Stadt Ulm. Rund 200.000 Besucher kommen im Jahr ins Theater, im 830 Plätze bietenden Großen Haus bedeutet das eine Auslastung von fast 80 Prozent.

Kommentar zur Wahl des Theaterintendanten

Was lässt sich über dieses Trio sagen, das die Findungskommission aus Vertretern des Gemeinderats und Experten ausgewählt hat? Der nächste Intendant am Theater Ulm wird kein Anfänger sein, alle drei Finalisten haben langjährige Erfahrung als Intendant, sind mindestens 53 Jahre alt – und Ulm würde, wenn sie dann nicht unerfolgreich wären, wohl die letzte Station sein in ihrer Intendanten-Karriere.

Nicola May würde einen deutlichen Sprung machen: vom kleinen Baden-Badener Theater, einer reinen Sprechbühne, an ein Dreispartenhaus. Kay Metzger würde ungefähr in der Liga bleiben: Der Chef eines Landestheaters mit vielen Abstecherorten käme an ein Theater, das auch davon lebt, dass Besucher aus dem weiten Umland den Saal füllen. Matthias Fontheim spielte als Intendant am Mainzer Staatstheater schon in der zweiten Liga, will es aber, in einer Klasse drunter, mit dann 61 Jahren noch einmal wissen.

Das heißt für die Kulturverwaltung und die Politik: Diese Kandidaten sind berechenbar. Der Risikofaktor ist begrenzt. Es kommt niemand, der nur tolle Ideen hat, aber an den Verhältnissen scheitern könnte: Jeder Intendant muss mit dem Budget leben, das er hat. Wobei: Gerade ein Intendant, eine Intendantin mit Charme und Charisma, der/die Sponsoren, Mäzene mobilisieren kann, wäre ein Gewinn.

Jetzt muss man dieses Trio noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Das Rennen ist offen.

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