Trauma in Schwarz-Weiß

"Stuttgart Stammheim" steht für den traumatischen "Deutschen Herbst" 1977. Bevor der Bau abgerissen wird, hat Andreas Magdanz ihn dokumentiert. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt die Fotografien.

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Die berüchtigte "7. Etage" in Stuttgart Stammheim. Foto: Andreas Magdanz

Die Mikrofone krümmen sich, recken sich - unsichtbaren Mündern entgegen. Auf der Anklagebank in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim sitzen nur noch Geister, doch die sind umso präsenter: Automatisch fügt man die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin und Andreas Baader in das Bild ein. Vor dem leeren Foto zeigt die kollektive Erinnerung, was sie kann.

Von einer "Beseeltheit" seiner 30 menschenverlassenen Bilder spricht auch der Fotograf selbst. Für seine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart hat Andreas Magdanz "Stuttgart Stammheim" fotografiert. Das Gefängnis, das zum Symbol des "Deutschen Herbstes" wurde, in dem das Terrorjahr 1977 mit den Selbstmorden von Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe sein tödliches Ende nahm. Ulrike Meinhof hatte sich im Jahr zuvor das Leben genommen. Bald wird der Trakt, in dem die RAF-Leute einsaßen, abgerissen, auch der Mehrzweckbau soll weichen, vorher hat Magdanz die Räume dokumentiert. Fünf Monate lang wohnte er an der Haftanstalt, sah aus seinem Fenster auf Mauern und Draht. Er hat sich dem Bau vom Untergeschoss her und aus der Luft genähert, hat sich in die "bgH", die besonders gesicherten Hafträume gesetzt, hat selbst seine Kamera in eine Zelle geschlossen. Eingesperrt ist ohnehin so gut wie alles auf den Bildern, auch die Umwelt der JVA zeigt - aus der Luft betrachtet - Zäune, Straßen, Wege, Grenzen.

Es sei sein letztes "deutsches" Projekt, sagt Magdanz, der schon mehrere geschichtsträchtige Unternehmen realisiert hat. Dieses aber sei besonders bedeutsam: "Der Deutsche Herbst war ein ganz wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte, wichtiger als die Wiedervereinigung." Und bis heute umstritten: Das Projekt sei mehrmals abgelehnt worden, erzählt Magdanz.

Der "hochneurotischen" Phase der 70er-Jahre begegnet er mit kühlem, fast durchweg schwarz-weiß gehaltenem Blick. Im Zentrum steht die "7. Etage", in der die RAF-Leute untergebracht waren. Zelle 719, in der erst Meinhof, dann Baader starb, hat der 49-jährige Fotograf aus jedem Winkel aufgenommen. Das Stockbett, die vergitterten Fenster, die "Schamwand" vor der Toilette. Am stärksten wirken die Bilder, die am weitesten in die Abstraktion gehen: Wände, Decken und Boden mit sich allein gelassen erzeugen darin eine klaustrophobe, seltsam bühnenhafte Atmosphäre.

Stammheim zu "entmystifizieren" sei einmal sein Vorhaben gewesen, sagt Magdanz. Ob das gelungen ist, darüber wird in diesem ganz besonderen Fall die Biografie des Betrachters entscheiden.

Info Ab morgen bis 3. März im Kunstmuseum, im Januar startet ein Begleitprogramm. Ein Fotobuch erscheint im Hatje Cantz Verlag, außerdem ein E-Book bei MagBooks. (www.kunstmuseum-stuttgart.de)

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