Thea Dorn: Ein Ritter zum Verlieben

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Am Anfang stand der kühne Wunsch, sich am Faust-Stoff zu versuchen“, sagte Thea Dorn bei der Lesung zu ihrem modernen Faust-Roman „Die Unglückseligen“. Sie schloss die Reihe „Zukunft Lesen“ ab, die im Rahmen des 500-jährigen Jubiläums der Stadtbibliothek stattfand und sich mit den Chancen und Risiken neuer Technologien befasste.

Gerade der Faust-Stoff eigne sich bestens dafür, ein Fragezeichen an die Gegenwart zu stellen, meinte Dorn. Schon als Goethe seinen Faust veröffentlichte, sei ein Unbehagen verbreitet gewesen angesichts der immensen Umwälzungen durch die heranziehende Moderne. Einen vergleichbaren Epochenumbruch erlebten die Menschen auch heute durch die Digitalisierung und die Fortschritte in den Naturwissenschaften.

In Dorns Roman (Knaus Verlag) prallen Welten aufeinander: Johanna Mawet, eine verbissene, kühl-rationale Biomedizinerin, deren Forschungsziel kein Geringeres ist als die Unsterblichkeit des Menschen, trifft auf den verschrobenen Einsiedler Johann Wilhelm Ritter. Der wandelt seit 1776 auf dem Erdball umher und will allen Suizidversuchen zum Trotz einfach nicht sterben.

Als Physiker verschrieb er sich einst der Elektrizitätsforschung, testete in grotesken, schmerzvollen Selbstversuchen die Wirkung von Elektrizität auf den Organismus. Vom Temperament her ist er jedoch ganz Romantiker, hat mit Novalis und Schlegel verkehrt. Und das ist keine Erfindung Dorns. Den Ritter gab es ­– nur ist er mit 33 Jahren gestorben.

Für Johanna stellt Ritter das ideale Forschungsobjekt dar. Doch anstatt dem Geheimnis der Unsterblichkeit wissenschaftlich auf die Spur zu kommen, schlägt Johannas Rationalität bald in ihr Gegenteil um: Sie verfällt dem Okkultismus.

Es sei ein „schweres deutsches Buch“, meinte Dorn. Zwei Jahre lange habe sie aufwendig recherchiert, zwei weitere „bis zum Umfallen“ geschrieben. Das biomedizinische Wissen ist ihr also keineswegs zugeflogen: Mit „Genetik für Dummies“ habe ihre Recherche begonnen.

Intellektuelle Höhenflüge wie „Die Unglückseligen“ sind jedoch nur eine Facette von Dorn: Sie hat auch eine Literatursendung im SWR moderiert und Tatort-Drehbücher sowie Krimis („Mädchenmörder“) geschrieben.

Im Autorengespräch gab sie interessante Einblicke: „In Ritter habe ich mich sofort verliebt. Mit ihm zusammenwohnen würde ich allerdings nicht wollen!“ Mit der „kaltschnäuzigen Johanna“ habe sie anfangs indes überhaupt nicht sympathisiert. Nur das Wissen um ihre Charakterentwicklung im Verlauf der Handlung habe sie dazu befähigt, die Figur der Johanna zu schreiben. Obwohl, ein bisschen Johanna stecke doch in ihr, gibt sie zu. Auch ihr fehle als Ungläubiger der christliche Trost des ewigen Lebens nach dem Tod.

 Mit dem Altern hat die Autorin trotzdem kein allzu großes Problem. Zwar verfalle man physisch – „Details erzähle ich nachher bei einem Bier“ –, geistig gehe es aber weiter bergauf. Im Alter sieht sie daher eine „Quelle künstlerischer Schöpferkraft“. Eine schöne Sichtweise inmitten des Jugendwahns, der die heutige Zeit so sehr kennzeichnet.

Die Reihe Mit der Lesung Thea Dorns endete die Reihe „Zukunft Lesen“. Den Anfang hatte Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach in der Stadtbibliothek gemacht Es folgten die Autorin Margit Ruile, die Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, der Buchwissenschaftler Stephan Füssel und Krimi-Bestsellerautor Martin Walker.

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