The Who vor 9000 in der Stuttgarter Schleyerhalle

Neun Jahre waren sie nicht mehr in Deutschland. Jetzt waren sie für zwei  Konzerte wieder da: Eins gaben The Who in der Stuttgarter Schleyerhalle.

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Stell Dir vor, The Who kommen, und die nahezu ausverkaufte Schleyerhalle ist bestuhlt. Ein Gebot der Fürsorge für die rund 9000 Zuschauer, denn die Fans der ersten Stunde sind längst in Rente. Das erste Album veröffentlichte die Band vor 51 Jahren. „My Generation“ hieß der Titelsong, war die Huldigung an eine Jugend, die damals keiner so recht verstehen wollte. Zu groß war die Diskrepanz zwischen Alt und Jung. Und bevor man so wird wie seine Eltern, sei es besser zu sterben: „I hope I die before I get old“, sang Frontmann Roger Daltrey. Jetzt ist er 72, singt es immer noch – und wirkt dabei kein bisschen lächerlich. Das hat seinen einfachen Grund: Der Mann am Mikrofon wirkt nicht wie ein 72-Jähriger, ist ein Mann in den besten Jahren, fit wie ein Turnschuh und zwei Stunden lang bestens bei Stimme. Alt sein klingt anders.

The Who im Jahr 51 nach „My Generation“ ist natürlich nicht mehr das Quartett der Anfangsjahre. Der drogen- und alkoholaffine Drummer Keith Moon starb 1978, Bassist John Entwistle erlag 2002 einem Herzinfarkt, nachdem er Kokain konsumiert hatte. Zak Starkey, der Sohn des Beatles-Schlagzeugers Ringo Starr, der bei Keith Moon das Trommeln gelernt hat, ersetzt Moon seit Jahren, und Pino Palladino vertritt den Bass-Virtuosen Entwistle höchst würdig. Spieltechisch hat der Italo-Waliser alles drauf, und in der Bühnenpräsenz schlägt er Entwistle noch. Der trug ob seiner stoischen Ruhe den Spitznamen The Ox – bestenfalls schlug er mal den Takt mit der linken Schuhspitze mit. Palladino toppt das locker. Außer den Fingern bewegt sich da gar nichts.

Und aus dem Quartett ist auf der aktuellen Tournee ein Oktett geworden. Neben Pete Townsend spielt auch dessen jüngerer Bruder Simon Gitarre, drei Keyboarder sorgen dafür, dass aus dem Radau der frühen Jahre eher feiner Ziseliertes wird. Und: Außer Starkey und Palladino können auch alle singen. Chöre? Die sind bei dieser Besetzung kein Thema. Da rollen bei „Who Are You“, mit dem die Band in Stuttgart startet, oder „I Can See For Miles“ vokale Wände auf die Zuhörer zu.

Das macht Laune, und die Songauswahl tut ein Übriges. Denn diesmal haben sich The Who vorgenommen, ihre größten Hits unters dankbare Volk zu bringen. Nur, welche sind das eigentlich? Für Pete Townsend ist „Bargain“ sein persönlicher Favorit. Für Daltrey ist es die Instrumental-Nummer „The Rock“, die in Stuttgart dank opulenter Besetzung als große Oper daherkommt und in Videos die jüngere Geschichte kommentiert und vom Vietnam-Krieg bis zu den Attentaten von Paris aufzeigt, wie weit weg die Menschheit vom Frieden ist. Entsprechend apokalyptisch lassen es die Musiker denn auch klingen.

Doch es geht auch sanguinischer: „Relay“ hat anno 2016 ein hübsches Funky-Groove-Kleidchen bekommen, „Eminence Front“ wird digital-geloopt dargeboten. Aber auch wenn’s ganz klassisch wird, kann diese Band überzeugen, wie etwa in „Join Together“, das samt Maultrommel und Mundharmonika herrlich abgespeckt daherkommt.

Und noch eine Folge der opulenteren Besetzung: Aus dem reinen Rhythmusgitarristen Pete Townsend, der in den lärmenden Anfangsjahren die solistischen Farbtupfer meist dem Bass überließ, ist der Solo-Gitarrist Pete Townsend geworden, der schon auch mal mit Tappings arbeitet, zwar nie den Status eines Virtuosen erreichen wird, aber lustvoll und durchaus einfallsreich vor sich hinknidelt und dabei eine Menge Spaß vermittelt.

Kurz vor Schluss dann noch eine geballte Ladung „Tommy“: „Amazing Journey“, „Sparks“, „The Acid Queen“, „Pinball Wizard“, „See Me, Feel Me“. Bei „Listening To You“ steht die Halle und singt mit. Geht noch mehr? Ja – mit „Baba O’Riley“ und „Won’t Get Fooled Again“.

Das sind Konzerte, von denen man seinen Enkeln vorschwärmen kann, aber von denen waren gar nicht so wenige ebenfalls in der Halle. Gerade noch rechtzeitig, um eine der wirklich großen Bands des Rock live zu erleben. Oft wird das nicht mehr der Fall sein, denn eigentlich waren The Who schon mehrmals auf Abschiedstournee. Doch so lange diese Band noch so klingt und mit jugendlichem Biss auf der Bühne agiert, sich auch nicht scheut, den einen oder anderen Sprung zu riskieren, will man diese Generation, von der andere noch was lernen können, nicht in Rente schicken.

Radau und Randale

Band Pete Townsend, Roger Daltrey und John Entwistle tauften im Februar 1964 ihre Band The Detours wegen einer Gruppe gleichen Namens in The Who um. Wenig später stieß Schlagzeuger Keith Moon dazu.  Im Dezember 1965 veröffentlichte die Band ihr erstes Album „My Generation“.  In den ersten Jahren pflegte die Band ihren Ruf als Radau-Combo, die bei Konzerten ihr Equipment zerstörte und auch gerne Hotelzimmer verwüstete.

Tommy Seriosität gewann die Band erst 1969 durch ihre Rockoper „Tommy“, die sich zu einem großen Verkaufserfolg entwickelte. Vorbild war „S. F. Sorrow“ der britischen Band The Pretty Things, die damit 1968 die vermutlich erste Rockoper überhaupt veröffentlicht hatten, mit dieser aber kommerziell erfolglos blieben.

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