Tanzprojekt mit Flüchtlingen nimmt Gestalt an

Elf junge Männer, denen in den vergangenen Jahren die Flucht gelungen ist, tanzen sich frei von ihren Traumata. Tänzer, Schauspieler, Musiker und ein Visual Artist leiten „Before I Die“ an.

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Menschen auf der Flucht vor Krieg und Unterdrückung treffen auf allerlei Widerstände. Wie sie darauf reagieren, stellen elf Tänzer, darunter der Syrer Mahmoud Homedy  (vorn, zweiter von rechts), im Stadthaus durch Stolpern und Fallen dar.  Foto: 

„I turn. I stand. Like a wall.“ – „Ich dreh’ mich. Ich bleib’ stehen. Wie eine Wand.“ Ganz schön cool, wie Ziya Aktas das den elf jungen Männern auseinandersetzt. Während sich die ihm gerade im Pulk mit bedrohlich verzerrten Gesichtern nähern. Aber wir sind hier nicht in einem schlecht ausgeleuchteten Hinterhof, wo der Amstetter bei der Konstellation Elf gegen Einen um seine körperliche Unversehrtheit fürchten müsste. Dies ist ein Performance-Workshop im lichtdurchfluteten Ulmer Stadthaus. Der Pulk in schwarzen T-Shirts und Jeans oder Jogginghosen besteht aus Asylbewerbern aus Syrien, Iran, Irak und Afghanistan.Ihre Geschichten – Erlebnisse von Krieg, Repression, Angst, Gefahren, aber auch Solidarität, die sie auf der Flucht erfuhren – übersetzen sie seit ein paar Monaten unter der Anleitung von Künstlern der 2014 gegründeten Gruppe Moving Rhizomes in eine Performance. Die Profi-Tänzer Pablo Sansalvador und Bogdan Muresan sowie Koordinatorin Cecilia Espejo leiten den Tanz-Workshop zu „Before I Die“. Mahmoud Homedys Antwort auf diese existenzielle Überlegung ist so einfach wie einleuchtend: „Bevor ich sterbe, will ich leben“, steht auf dem T-Shirt des 31-jährigen Architekten aus Aleppo.

Sansalvador hat die mit den Flüchtlingen erarbeitete Choreografie Schritt für Schritt und Takt für Takt im Kopf. Von eins bis acht zählt er auf Englisch vor. „Nochmal – where’s the zweite group?“ Espejo geht mit dem Laptop, aus dem elektronische Beats wabern, voran. Der mit Käppi und Dreitagebart so cool wirkende Aktas ist keineswegs der Gute: Der 34-Jährige mit mehr als 20 Jahren Breakdance-Erfahrung stellt sich den herankriechenden und beim Aufstehen strauchelnden 18- bis 30-Jährigen entgegen, repräsentiert Hindernisse, die jenen auf der Flucht begegneten. „Push, push!“, feuert sie Co-Trainer Muresan an. Doch die enthusiastischen Laientänzer fallen, immer wieder. Und rappeln sich doch jedes Mal erneut auf.

Unwägbarkeiten taten sich auch auf dem Weg zum zweiten Projekt der Rhizomes auf, berichtet Cecilia Espejo. Die Frauen, die sie gern zum Mitmachen animiert hätte, durften aufgrund eines Virus’ ihre Massenunterkunft wochenlang nicht verlassen. Das Ende 2015 zur Finanzierung initiierte Crowdfunding war erfolgreich, die Förderanträge nicht, die die aus Madrid stammende 40-Jährige an zwölf Stellen im Land, Bund und bei der EU gesandt hatte. So wäre die weitgehend ehrenamtlich mit dem Verein Menschlichkeit aufgezogene Integrationsinitiative fast gescheitert. Doch die Stadt Ulm beteiligte sich mit 1000, die Internationale Stadt Neu-Ulm mit 1300 Euro, Stadthaus und Künstler reduzierten Miete und Honorare – und die vh unterstützt die Gruppe durch die kostenlose Bereitstellung von Proberäumen. „Ich habe den Eindruck, die Menschen wollen das, was wir machen, aber die Institutionen zögern“, sagt Espejo. So startet jetzt eine weitere Crowdfunding-Kampagne (www.startnext.com/before-i-die-performance).

Nach dem eineinhalbstündigen Training, das vergangene Woche erstmals im Stadthaus stattfand, erzählt Mahmoud Homedy von seiner Odyssee über Izmir, die Mittelmeerinsel Lesbos, Mazedonien, Serbien, Ungarn („not good“), Österreich und München nach Ulm. Das Schlauchboot nach Mytilini sei für 20 Personen zugelassen gewesen, berichtet der quirlige, optimistische Bartträger, der das muntere Sprachmischmasch seiner Tanztrainer zuvor für Malik, Zaid und die anderen ins Arabische übersetzt hatte. „Wir waren glaub’ 60.“ Durch „Before I Die“ will der 31-Jährige zeigen, „was wir Flüchtlinge machen können, was wir fühlen und brauchen“. Hat er erstmal seine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, will er anderen Flüchtlingen helfen.

„Es macht mich demütig, wenn ich erlebe, wie viel Energie die Neuankömmlinge haben“, sagt Pablo Sansalvador. „Ich möchte, dass sie stolz sind auf das, was sie können“, erklärt der 30-jährige Mitinitiator der Projekts, der in Neuseeland und Spanien aufwuchs.

Ziya Aktas wirkt nicht mehr cool, sondern tief bewegt, als ihm Mahmoud Fotos seiner zerbombten Heimat zeigt. „Das ist so traurig“, meint der gebürtige Geislinger. Für den erfolgreichen Hip-Hop-Tänzer, der wegen seiner türkischen Wurzeln im Alltag selbst schon Rassismus erfa hren hat,  ist das Engagement bei „Before I Die“ ein Austausch auf Augenhöhe: „Da war vom ersten Moment an eine enge Verbindung. Ich habe hier Freunde gefunden.“ Er wollte nicht nur über Flüchtlinge sprechen, sondern sie kennenlernen und nehme von den Proben viel mit: „Zum Beispiel ist mein Englisch schon viel besser geworden“, sagt der 34-Jährige. So wirbelt er auch außerhalb seiner Rolle herum. Bleibt aber nicht stehen.

Was bisher geschah – und was noch kommt

Projektgruppen Sechs Gruppen umfasst das Integrations-Projekt „Before I Die“ der Künstlergruppe Moving Rhizomes. Tommi Brem entwirft mit Pablo Sansalvador und Cecilia Espejo das Bühnendesign ausgehend von mit Flüchtlingen in einem Workshop erarbeitetem Origami-Material. Friedrich Glorian leitet einen Trommelworkshop für die musikalische Live-Begleitung. Weitere Musik nimmt Andreas Usenbenz mit Tänzer und Sänger Ahmmad Al Trkuawe auf. Andreas Hauslaib gestaltet auf mit Flüchtlingen gedrehten Videos basierende Visuals, die vom Stadthaus aus auf den Münsterplatz projiziert werden. Dan Glazer und Julia Baukus, beide Schauspieler am Theater Ulm, stellen Videos der beteiligten Flüchtlinge zusammen, die als Hologramme am Stadthaus-Eingang eine Grenz-Situation simulieren sollen.

 

Solotänzer Da zum Ende dieser Spielzeit viele Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie das Theater Ulm verlassen, können sich nicht alle Profis von der ersten Moving-Rhizomes-Performance „Crossing Paths“ an „Before I Die“ beteiligen. Damien Nazabal und Bogdan Muresan vom Theater sowie Hip-Hop-Tänzer Ziya Aktas steuern ebenso Soli bei wie im Juni fürs Donaufest anreisende Tänzer.

 

Aufführung Die Performance ist am 21., 22. und 23. Juli, 21 bis 23 Uhr, im und rund ums Stadthaus zu sehen, sie gipfelt in einem kostenlosen Fest für alle. Tickets (15/13 Euro) gibt es bereits im Pressehaus der SÜDWEST PRESSE, bei SWU Traffiti, im Stadthaus und bei Reservix. cli

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