Strich, Punkt, Pixel: Großes Klötzchenspiel

Täglich treffen wir auf Muster, Raster, Ordnungen, Regelungen. Das Stuttgarter Kunstmuseum will jetzt mit seiner "Rasterfahndung" ermitteln, ob die Kunst auch auf vorgegebene Bildgerüste abfährt.

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Auch das fällt unter "Rasterfahndung": Ein Ausschnitt aus Sarah Morris 2001 entstandenem Gemälde "Dulles (Kapital)". Foto: Gerda Meier-Grolman

Das ist schon schön, wenn alles seine Ordnung hat, wenn man sich heimisch fühlt in den Quadraturen der Städte, wenn überall ein Netz gespannt ist, das absturzwillige Chaos-Freaks sanft auffängt. So verspricht auch die "Rasterfahndung" - so der zugkräftige Titel der aufwendig inszenierten neuen Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum - Erfolgsmeldungen, denn irgendetwas wird irgendwann im Ermittlungs-Netz hängen bleiben. Wer nach dem Raster in der Kunst der Moderne fahndet, der wird schon bei den späten Impressionisten fündig, bei Signac und Seurat. Die hohe Zeit der Gitter-und Raster-Fetischisten bricht aber erst mit dem Aufkommen der künstlerischen Avantgarde an. Was haben Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian mit ihren Quadrat-Hymnen da zu Beginn des 20. Jahrhundert angerichtet, all die Konstruktivisten, die Bauhaus-Meister und viele andere sind ihnen gefolgt.

Hier aber soll der Puls unserer digitalen Zeit gemessen werden. Die Gegenwartskunst soll Zeugnis ablegen über ihr Verhältnis zu Rastern, Ordnungen und Mustern. Nutzen diese Künstler die Liniengerüste und Rastergitter wie Hängematten, in denen sich gut ruhen lässt, oder dienen die Strichgebäude, die Punktfolgen, die Pixelparaden, die Klötzchen- und Kästchen-Schablonen als eine ideal geeignete Spielwiese, um neue Bild-Visionen zu erproben? Die "Rasterfahndung" zeigt, alles ist möglich, die Hängematte zum Ausruhen ist vor Ort, aber auch das experimentelle Kunst-Labor. Es gibt strenge Ordnungshüter unter den Nachkriegskünstlern, aber es sind auch listige Spaßvögel darunter wie etwa der über 80-jährige Franzose François Morellet, der seinen Schabernack mit den Geometrien treibt und die Liniengerüste mit dem Zufallsgenerator durcheinander wirbelt.

Auch der große deutsche Maler Sigmar Polke, der die Rasterpunkte von Anbeginn seiner Karriere an zu seinem Lieblingsmuster erklärt hat, geht höchst spielerisch mit den Bildordnungen um.

Natürlich gibt es auch in Stuttgart die Fakultät der Minimalisten und Fundamentalisten, der Schweizer Beat Zoderer etwa fertigt aus Baulatten, Farbe und Leinwand enorm strenge Großformate, die den Blick des Betrachters im Gitter der Rechtecke und Quadrate so fixieren, dass er Mühe hat, da wieder rauszukommen. Ähnlich geht es bei Sarah Morris zu: Sie konstruiert mit Linienstrukturen und geometrischen Farbflächen wie aus dem Baukasten Stadtprospekte, die mit so viel Bildwucht rüberkommen, dass der Museumsbesucher leicht einen Farbschock erleiden kann.

Gut, es gibt auch die ruhigen Zeitgenossen, wie etwa Peter Roehr, der sich ganz auf die serielle Anordnung von unifarbenen Rechtecken verlässt, oder Mona Hatoum, die einfach einen schlichten geschlossenen Stahlkäfig-Kubus in den Raum stellt. In Stuttgart sind noch viele andere Künstler versammelt, die auf originelle Weise auf die Raster-Vorgaben reagieren, etwa der Amerikaner Chuck Close, der seine markanten Riesen-Porträts aus klitzekleinen Farb-Quadraten zusammenpuzzelt. Wie gesagt, wie die Gegenwartskunst auf unsere verrasterte Welt antwortet, das ist im Kunstmuseum mit Händen zu greifen.

Info "Rasterfahndung - Das Raster in der Kunst nach 1945" bis 7. Oktober im Kunstmuseum Stuttgart, Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi und Fr 10-21 Uhr; www.kunstmuseum-stuttgart.de

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