Staatsministerin Maria Böhmer über das bedrohte Welterbe

"Der IS will den Menschen ihre Identität nehmen", sagt Staatsministerin Maria Böhmer. Im Interview spricht sie über den Schutz des Welterbes und den illegalen Kunsthandel, der die Terroristen mitfinanziert.

|
Vorherige Inhalte
  • Auch dieses Kulturdenkmal wurde vom IS zerstört: der berühmte Triumphbogen von Palmyra. 1/2
    Auch dieses Kulturdenkmal wurde vom IS zerstört: der berühmte Triumphbogen von Palmyra. Foto: 
  • Staatsministerin Maria Böhmer. 2/2
    Staatsministerin Maria Böhmer. Foto: 
Nächste Inhalte

2015 war ein schwarzes Jahr für das Welterbe. Der IS hat bedeutende Kulturstätten zerstört; und die Welt sieht zu. Was tut Deutschland?
MARIA BÖHMER: Wir erleben eine besonders perfide Art der Kriegführung; die menschlichen und kulturellen Verluste sind enorm. Der Kampf gegen den IS ist eine Aufgabe der internationalen Gemeinschaft. Auf der Ebene der Kulturpolitik geben wir Unterstützung etwa in Syrien für die Digitalisierung von Kulturgütern und zur Erstellung eines Registers, um Daten für die Rekonstruktion zu sammeln. Zugleich helfen wir etwa im Irak bei der Qualifizierung lokaler Kräfte für den Schutz, den Erhalt und den Wiederaufbau von Kulturgütern.

Inwiefern?
Die Kulturstätten sind bewusst zur Zielscheibe geworden, um kulturelle Wurzeln auszulöschen. Die Terroristen kämpfen gegen Menschen, und sie kämpfen gegen den Erhalt von Kulturgütern. In Palmyra haben sie nicht nur den Tempel zerstört, sondern auch den Chef-Archäologen getötet.

Die Vereinten Nationen haben auch auf Ihr Engagement hin die Zerstörung von Kulturschätzen im Irak als Kriegsverbrechen eingestuft - wie steht es um Syrien oder Afghanistan?
Die von Deutschland initiierte UN-Resolution gilt für den Irak, aber sie verdeutlicht, dass es stets Angriffe auf das kulturelle Erbe der gesamten Menschheit sind. Diese Gedanken sind auch in die Erklärung gegen die Zerstörung von Welterbestätten in Krisengebieten eingegangen, die wir bei der Sitzung des Welterbekomitees der Unesco im Juni in Bonn verabschiedet haben.

Sehen die anderen Unesco-Länder die Brisanz des Themas?
Alle Länder - auch die islamischen Staaten - haben der UN-Resolution gegen die Zerstörung von Kulturgütern zugestimmt, und auch bei der Bonner Erklärung haben sich alle Länder dafür ausgesprochen, dass Zerstörungen und Plünderungen als Kriegsverbrechen geächtet werden und der illegale Handel unterbunden werden muss.

Sie wollen einen "Fonds zur Nothilfe für Kulturgüter in Gefahr". Wie steht es um Ihre Bemühungen?
In den letzten Haushaltsberatungen wurde der Etat für das Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes verdoppelt. Wir haben jetzt ein Plus von 2,85 Millionen Euro. Mit diesen Mitteln soll auch die Fähigkeit des Auswärtigen Amts zur Nothilfe gestärkt werden. Zudem soll eine Koordinierungsstelle "Welterbe" eingerichtet werden. Diese Mittel sollen genutzt werden, um in Krisensituationen schneller reagieren zu können und beim Wiederaufbau zu helfen.

Sollten das zerstörte syrische Palmyra oder die historischen Stätten in Nepal, die durch das große Erdbeben zerstört wurden, wieder aufgebaut werden?
Wir wollen in Nepal oder in Syrien nicht nur finanziell helfen, sondern auch bei der Vermittlung von Fähigkeiten für den Erhalt und den Wiederaufbau. Und wir wollen den Austausch von Fachleuten fördern. Es ist eine Existenzfrage für die Menschen. Der Tourismus in Nepal hat durch das Erdbeben stark gelitten. Nicht nur die Himalaya-Region, auch die Welterbestätten in Nepal sind touristische Anziehungspunkte und für die wirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Der Wiederaufbau wird daher immer wichtiger.

Der Handel mit gestohlenen oder geplünderten Kulturgütern floriert. Deutschland ist ein wichtiger Schauplatz dieses illegalen Kulturhandels.
Der illegale Kulturgüterhandel ist neben dem Drogen- und Waffenhandel eine der Hauptfinanzierungsquellen des IS. Das muss jedem klar sein. Diese Geldquelle der Terroristen wollen und müssen wir als internationale Staatengemeinschaft dringend austrocknen.

Deutschland hat sein Kulturgutschutzgesetz gerade novelliert. Was halten Sie davon?
Zwei wichtige Verbesserungen wurden erreicht: Kulturgüter können künftig nur mit entsprechender Exportlizenz eingeführt werden, und beim Handel im Land muss die Herkunft des Kunstwerks nachgewiesen werden.

Sie haben Unesco-Reformen eingeleitet, vor allem bei den Entscheidungen über weitere Welterbestätten. Mit Erfolg?
Ich wollte die Arbeit des Welterbekomitees und der Beratergremien - etwa des Internationalen Rats für Denkmalpflege (ICOMOS) - transparenter machen und die Zivilgesellschaft mehr einbeziehen. Es geht um universelle und einzigartige Welterbestätten und deren Erhalt. In der Vergangenheit wurde mit Welterbefondsmitteln vor allem die Evaluierung der Nominierungen finanziert. Ich wollte den Erhalt stärken.

Unesco verurteilt IS-Terror

Erklärung Die Weltkulturorganisation Unesco hat in ihrer diesjährigen Erklärung auf der Welterbe-Sitzung in Bonn den Terror des "Islamischen Staats" (IS) verurteilt. Federführend war die damalige Komitee-Präsidentin und Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Maria Böhmer (CDU).

Zur Person Maria Böhmer war von 2005 bis 2013 Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Seit Dezember 2013 ist sie Staatsministerin im Auswärtigen Amt und für Auswärtige Kultur- politik zuständig.

 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ratiopharm geht unruhigen Zeiten entgegen

Nach dem von Konzernmutter Teva verkündeten Sparpaket stehen aus Sicht des Managements schwere Entscheidungen an. Die IG BCE kritisiert die Massenentlassungen. weiter lesen