Spiel, Satz und Soul

Beim 21. Aalener Jazzfest trumpften Altmeister wie Marcus Miller oder Maceo Parker auf. In den fünf Tagen gab es allerdings auch neue Klänge zwischen Soulfunk und Jazz zu entdecken.

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Große solistische Auftritte hatten Saxofonist Alex Han und Bassist Marcus Miller. Foto: Udo Eberl

Es gab schon Festival-Jahrgänge, da hätte man dem Jazzereignis in Aalen, angelehnt ans Nummernschild der Kocherstadt, sehr gerne das Triple-A verliehen. Aber natürlich sind Sparzwänge auch an der Ostalb angekommen und man muss froh sein, dass nicht nur auf Nummer sicher gesetzt wird. Eine Absage des Jazzfests, wie sie gerade vom Stuttgarter Theaterhaus für die Internationalen Jazztage 2013 verkündet wurde, ist noch kein Thema. Nicht zuletzt liegt das an "Stammkunden" aus ganz Deutschland.

Ob man diese Gäste halten kann, wenn das Programm weiterhin in Richtung Soul und Funk abdriftet, bleibt abzuwarten. Von jeher schwierig ist die Raumsituation beim Jazzfest. Die reizvolle Kantine des Unternehmens Mapal, die Pianobar und der Konferenzsaal des Festival-Hotels funktionieren bei normalem Besuch, doch schon bei ein paar Menschen mehr wirds eng. Wohl dem, der sich nahe der Bühne durchschwitzen konnte. Für einen Teil des Publikums wurden die Konzerte allerdings nur zum Hörspiel.

Ganz anders in der Stadthalle: Gute Sicht, dafür gabs zumindest am ersten Abend reichlich was auf die Ohren. Wer sich am Eingang noch gewundert hatte, warum vor dem Konzert der Graham Central Station kostenfrei Ohrenstöpsel verteilt worden waren und diese nicht in Gebrauch nahm, bekam die pfeifende Quittung. Larry Graham, weiß gekleidete Soulfunk-Legende, stilprägender Erfinder der so genannten Slap-Technik am E-Bass und der große, alte Mentor von Prince, warf die Groove-Maschine an. Der "Funk-Gottesdienst" mit Stücken des neuen Albums "Raise up" klang allerdings ohne den kleinen Prince, der auf der Scheibe mehrfach vertreten ist, nur halb so gut. Die Bass-Soli wurden zwar gefeiert, besonders wenn Larry Graham mitten im Publikum loslegte. Die Band selbst hatte jedoch eher begrenzte Qualität, was mit übermäßiger Lautstärke überspielt wurde.

Dagegen setzte Marcus Miller, der einst einige Alben von Miles Davis mitprägen konnte, geradezu auf Bass-Understatement. Starke Arrangements und Melodiösität standen im Vordergrund. Ein jazziges "Renaissance"-Projekt. Die fünf auf der Bühne platzierten Bässe waren dabei eher Kulisse, denn die großen solistischen Auftritte hatten neben dem Bass-Meister selbst der Saxofonist Alex Han, an erster Stelle aber der grandiose junge Gitarrist Adam Agati. Am Samstag gabs an gleicher Stelle noch Jazz im Großformat mit den bewährten Gästen der flexiblen SWR Big Band, die sich mit einer illustren Gästeschar unter anderem dem "BritSoul" annahm.

Dagegen stand das Geschehen im Festival-Hotel im Zeichen der Jazz- und Soul-Party. Maceo Parker ließ die Funken und Grooves sprühen, wie man das speziell von ihm erwartet, Incognito zeigten, dass sie auch im 33. Bandjahr nichts am Konzept geändert haben.

Alles beim Alten also? Nein, denn zumindest bei den Pianisten gabs zwei Extreme zu bewundern. In der Pianobar kämpften Michael Wollny, Eva Kruse und Eric Schäfer gegen den Lärmpegel und obsiegten mit federleichter Komplexität. Europäischer Trio-Jazz auf der Höhe der Zeit. Dagegen setzte die japanische Pianistin Hiromi Uehara mit den Jazzrock-Urgesteinen Anthony Jackson am Bass und Drummer Simon Phillips auf ihre Neudeutung des Fusion-Jazz, den sie in alter Prägung bereits an der Seite von Chick Corea und Stanley Clarke hatte ausleben können. Hämmernde Virtuosität, muskelspielende Brillanz und technische Finesse der zierlichen Frau hatten dann aber weniger Strahlkraft als die ins Romantische drehenden balladesken Momente und ihr rasanter Soloexkurs zu "Ive Got Rhythm". Am Ende hieß es im direkten Piano-Vergleich aber doch: Spiel, Satz und Sieg für Wollny.

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