Songs, die Geschichte schrieben

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Bücher und Fotobände, die sich mit Bob Dylan beschäftigen, gibt es etliche. Nun setzt Sean Wilentz mit "Bob Dylan und Amerika" einen Standard.

Er hat nicht allein die Texte von Bob Dylan interpretiert und ihre Auswirkung auf das jeweils historische Umfeld betrachtet oder sich mit dem Umfeld des großen Folksängers beschäftigt, er hat auch alles gelesen, was die Kollegen der schreibenden Zunft zuvor über den Mann mit der nölenden Stimme geschrieben haben.

Sean Wilentz lehrt amerikanische Geschichte an der renommierten Universität Princeton im US-Staat New Jersey und schrieb unter anderem Bücher über die Arbeiterklasse in New York oder den US-Präsidenten Ronald Reagan. Geadelt wurde der überzeugte Dylanianer und Essayist, als er vor geraumer Zeit gefragt wurde, ob er als "Haus-Historiker" für Bob Dylans offizielle Homepage tätig werden könne - und wie hätte er da Nein sagen können?

Da lag es fast auf der Hand, dass der Freund der Clintons, der sich in Blogs genauso wie in kommentierenden Beiträgen für die "Newsweek" bis hin zum Musikmagazin "Rolling Stone" zu Wort meldet, früher oder später ein Buch über Bob Dylan schreiben würde.

Es ist ein umfassendes Buch geworden - eines, das nicht in jedes Klischee treten will, eines, das die Entwicklung eines der größten Künstler der USA von verschiedensten Seiten betrachtet und auch dessen Einflüsse neu beleuchtet.

So stellt Wilentz zwar nicht in Frage, dass der legendäre Folksänger Woody Guthrie Dylans Musik stark prägte, er bringt aber zudem den Konzertkomponisten Aaron Copland und dessen "Volksfront"-Musik mit ins Spiel. Welche grundsätzlichen und linken Strömungen beeinflussten den Sänger, welchen Einfluss hatte die Freundschaft mit Allen Ginsberg auf die lyrische und politische Kraft von Alben wie "Highway 61 Revisited", welchen Einfluss nahm Bob Dylan selbst auf sein Image?

Sean Wilentz ist ein Fan, allerdings keiner, der ein Opfer der Verklärung geworden ist. Er porträtiert Bob Dylan mit der nüchternen Brille des Historikers, ohne dabei eine trockene Doktorarbeit abzuliefern, und er bettet seine geschichtliche Betrachtung eines Künstlers, der seine Vereinigte Staaten über Jahrzehnte hinweg mitprägte, in den geschichtlichen Kontext - Zeitsprünge und individuelle Priorisierung von Ereignissen inklusive.

Auch aus diesem Grund ist "Bob Dylan und Amerika" auf mehr als 400 Seiten nicht immer leicht zu lesen. Aber ein oberflächliches, mit smartem Blues und Folk garniertes Buch über wichtige Lebensstationen des Großmeisters wäre ihm auch ohne Frage nicht gerecht geworden.

Wer beim Lesen nicht den Soundtrack der ewig jungen Vergangenheit des Bob Dylan hören will, hat seit September die Gelegenheit, neues Material zu hören. Mit "Tempest" (Sony Music) erschien sein 35. Studiowerk, und der Storyteller erzählt noch immer Geschichten, die bisweilen wie große, dunkle Gemälde wirken. Den Pulitzer-Preis bekam Bob Dylan bereits 2008 verliehen. Als heißer Favorit für den Literatur-Nobelpreis gilt er zudem seit etlichen Jahren - nicht ohne Grund.

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