Sloterdijk: Der Freigeist gegen Ideologie und Irrsinn wird 70

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Gilt als großer böser Wolf der deutschen Philosophie: Peter Sloterdijk.  Foto: 

Wer Peter Sloterdijk schon einmal sprechen gehört hat, weiß: Die Sätze, die sich aus ihm herausarbeiten, klingen trotz ihres Intellekts, trotz ihres sprachlichen Schliffs immer ein wenig schwerfällig, rumpelnd. Wie Wackersteine. Der emeritierte Karlsruher Hochschullehrer ist der große böse Wolf der deutschen Philosophie. Mit seinen verbalen Reißzähnen drohte er in der Vergangenheit, immer wieder das Schneewittchen der politischen Korrektheit zu fressen.

Er, der einstige Linke, forderte vor einiger Zeit zum Beispiel eine Quasi-Abschaffung der Einkommenssteuer. Und während in den 90er Jahren alle über die Gefahren der Gentechnik diskutierten, dachte er laut über mögliche Vorteile von pränataler Selektion und Menschenzüchtung nach. Mit seiner Behauptung,  Angela Merkels Bewältigung der Flüchtlingskrise gleiche einem „Souveränitätsverzicht“, schien er vollends ins ultrakonservativen Lager übergelaufen.

Elfenbeinturm geöffnet

In einem Punkt sind sich Anhänger und Gegner einig. Als langjähriger Moderator (neben Rüdiger Safranski) der 2012 eingestellten ZDF-Reihe „Das philosophische Quartett“ gelang es Sloter­dijk mit rhetorischer Hemdsärmeligkeit, seine Disziplin aus dem Elfenbeinturm der Institutsbibliotheken herauszuholen. Zum Abschluss eines Fern­seh­abends mit Krimi, Traumschiff und Heute-Jour­nal erwies sich alt­europäische Gelehrsamkeit als nicht das schlechteste Instrument, Phänomenen wie dem Terrorismus oder der Finanzkrise auf den Grund zu gehen. Heute feiert Peter Sloterdijk, der als Sohn einer Niederländerin und eines Deutschen in Karlsruhe zur Welt kam, 70. Geburtstag.

Trotz der Anfeindungen als neuer Rechter – Sloterdijk selber sieht sich in der Tradition Immanuel Kants und der Praxis einer vorurteilslosen Selbstbefragung des Denkens. Auf den berühmten Königsberger und seine „Kritik der reinen Vernunft“ schielte Sloterdijk bereits mit seinem Durchbruchswerk von 1983, der „Kritik der zynischen Vernunft“. Das humanistische Projekt der Aufklärung, so der Leitgedanke, sei spätestens mit den 68ern in Kulturmarxismus und soziale Hypersensibilität abgerutscht.

Was das 1000-Seiten-Opus zwar schon mit heimlicher Sympathie, alles in allem aber noch objektiv beschrieb, hat sich der Freigeist mittlerweile als subjektiven Standpunkt zu Eigen gemacht. An jeder diskursiven Ecke wittert er Moralismus, Ideologie und Irrsinn.

Mit Sloterdijks Schüler Marc Jongen, dem stellvertretenden Sprecher der AfD in Baden-Württemberg, ist das Bedrohtheitsdenken auch in der Parteipolitik angekommen. Allerdings ging der Karlsruher Professor zu seinem ehemaligen Doktoranden mittlerweile auf Distanz. Nach Sloter­dijk ist rechter Populismus keine Problemlösung, sondern lediglich ein weiteres Symptom für den Verfall der europäischen Vernunftkultur.

Im Horizont zeitgenössischer Bewusstseinskrisen argumentiert auch sein jüngst erschienenes Buch „Nach Gott“, das indes weniger deftig auf die Pauke haut, als manch einer erwartet hätte. Der Band versammelt in sich abgeschlossene Reden und Aufsätze der vergangenen Jahre. Ein Vor- oder Nachwort, das die einzelnen Abschnitte inhaltlich verklammert, fehlt leider. Etwas hartleibig ist die Lektüre auch, weil Sloterdijk quasi das gesamte abendländische Gedankenuniversum von Platon bis Heidegger als gelesen voraussetzt.

So dauert es eine Weile, bis ein roter Faden durchschimmert: Der Autor fragt nach Konsequenzen aus der metaphysischen Obdachlosigkeit der Neuzeit, wie sie sich im nietzscheanischen Gott-ist-tot-Slogan verdichtet. Diskutiert wird das Eigenleben von Maschinen oder der Aufschwung von Esoterikern und Evangelikalen in Zeiten einer neoliberal „geschwächten Sozialstaatlichkeit“. Hellsichtig entlarvt Sloterdijk dieses neureligiöse Treiben als weltliches Programm einer „Fitness von innen“, um besser im kapitalistisch-säkularen Rattenrennen mithalten zu können.

„Abgelebte Theologie-Kultur“

Interessant sind Peter Sloterdijks Ausführungen zum radikalen Islam. Nur vordergründig stehe dieser im Widerspruch zum modernen Rückbau religiöser Wertvorstellungen. Auch in der muslimischen Welt, so der Denker, habe der Rationalismus transzendentale Überzeugungen verdrängt und eine „Allah-Dämmerung“ ausgelöst.

Das Treiben des IS mit den Anschlägen sei demnach nur ein ebenso grausames wie verzweifeltes Theater, das Gottes verlorene Allmacht über das Leben der Menschen nachspiele. „Die jungen Fanatiker“, resümiert der Karlsruher Philosoph, „ahnen nicht, in welchem Maß sie mit ihren Aktionen die Sterilität einer abgelebten Theologie-Kultur unter Beweis stellen.“

Buch Eine Reihe von Aufsätzen und Reden Peter Sloterdijks sind in seinem neuen Buch versammelt: „Nach Gott. Glaubens- und Unglaubensversuche“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen (367 Seiten, 28 Euro).

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