Schreiben, um zu überleben

"Guten Tag", sagt Liao Yiwu mit einem feinen Lächeln. Der chinesische Autor hat begonnen, etwas Deutsch zu lernen. Denn in sein Heimatland will der Friedenspreisträger 2012 sicher nicht zurückkehren.

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Der chinesische Autor Liao Yiwu lebt seit 2011 in Deutschland. Foto: dpa

In einem Text für die Ausstellung "Kassiber. Verbotenes Schreiben" im Literaturmuseum der Moderne schildern Sie, wie Sie während Ihrer Haft geschrieben haben, in ständiger Furcht vor der Entdeckung. Wieso schreibt man trotzdem?

LIAO YIWU: Man schreibt gegen das Vergessen an. Ich habe immer Angst, dass ich bestimmte Dinge vergesse, aber ich möchte festhalten, was ich erlebt habe. Die Umstände in der Haft haben mein Leben verändert, ich fühlte mich nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier. Ich habe mich selbst verachtet. Dann begann ich zu schreiben und Flöte zu lernen, diese zwei Dinge haben mir Kraft gegeben. Ohne zu schreiben, wäre mein Leben leer.

Die Erlebnisse, die Sie in Ihrem 2011 erschienenen Gefängnisbericht "Für ein Lied und hundert Lieder" schildern, sind sehr grausam. Es muss schmerzhaft sein, sie schreibend heraufzubeschwören.

LIAO: Natürlich ist das schmerzhaft. Aber gerade das Schreiben hilft mir, den Schmerz loszuwerden. Und wenn ich daran denke, dass all die Dinge, die die Polizisten und Gefängniswärter uns angetan haben, in Vergessenheit geraten würden, dann wäre der Schmerz noch größer.

Sie haben im Gefängnis drei Romane geschrieben. Bisher liegt nur der autobiografische Bericht vor. Wieso haben Sie ihn zuerst veröffentlicht?

LIAO: Es ist ironisch: Die drei Romane, die ich noch in der Haft verfasst habe, konnte ich herausschmuggeln. Das autobiografische Buch hingegen, das ich draußen geschrieben habe, wurde zwei Mal beschlagnahmt. Gerade deshalb wollte ich es zuerst veröffentlichen.

Hat die Haft Ihr Schreiben verändert?

LIAO: Das Gefängnis hat meine Einstellung zur Literatur sehr verändert, ja. Vor meiner Inhaftierung war ich ein unpolitischer Lyriker. Im Gefängnis habe ich angefangen, die Wahrheit aufzuzeichnen. Möglichst nahe an die Wahrheit heranzukommen, das ist für mich hohe Literatur.

Sie sind nun seit etwas mehr als einem Jahr in Deutschland. Kann das Exil Freiheit bedeuten?

LIAO: Ja. Aber hier im Exil zu leben, heißt nicht, dass ich nur meine Freiheit genieße. Es bedeutet für mich, dass ich das Privileg habe, anderen zu helfen. Ich denke viel an meine Freunde, die immer noch leiden, das kann ich nicht vergessen.

In einem Interview haben Sie vor Kurzem gesagt, Sie sähen für Ihr Heimatland keine Hoffnung.

LIAO: Ja. Das war eine Reaktion auf ein unglaubliches Interview, das der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt der "Zeit" gegeben hat. Darin hat er sogar das Massaker von 1989 verteidigt. Das ist absolut inakzeptabel. Schmidt könnte sich gut als Autor in China betätigen und würde eine sehr gute Rente dort bekommen. (Schmidt hatte in einem Interview mit dem "Zeit"-Magazin unter anderem das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens oder Tiananmen-Platz relativiert. Die Opferzahlen kämen ihm "weit übertrieben" vor, sagte der deutsche Ex-Bundeskanzler, zudem seien die Soldaten selbst angegriffen worden. Menschenrechte seien "der chinesischen Zivilisation bisher nicht inhärent." Anm. d. Red.).

Vergangene Woche war der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao in Brüssel. Eine Pressekonferenz gab es nicht, weil man sich nicht mit China auf die Bedingungen einigen konnte. Macht Ihnen das Angst?

LIAO: Das ist der Grund, warum ich keine Hoffnung sehe. Wenn die westlichen Länder mit China verhandeln, denken sie ans Geschäft, aber auch für einen Gast kann man nicht die Gepflogenheiten anpassen. Es gibt keine Hoffnung. Ich möchte nicht zurückkehren.

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