Roman Ingrid Noll: Hab und Gier (Folge 59)

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Zur Siestazeit legte ich mich mit Blick auf die verstümmelte Hecke in den Liegestuhl und dachte über Judiths Worte nach. Die längste Zeit meines Lebens hatte ich nur für mich selbst gesorgt. Wenn ich nicht aufpasste, erwarteten diese zwei Königskinder, dass ich die Haushälterin für sie spielte. So hatten wir nicht gewettet! Eine schöne alte Villa und ein Garten mussten gepflegt werden, das sah ich ein, aber sollte ich den Vorteil des schöner Wohnens mit einem Sklavendasein bezahlen? Cord hatte in meinem Haus überhaupt nichts verloren. Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte, sollte er gehen! Und zwar schnell.

Bald wurde es mir zu heiß in der Sonne, ich ging ins Haus zurück und beschäftigte mich doch wieder mit dem grässlichen Papierkram. Wolfram und Bernadette hatten jeden Schnipsel aufgehoben. Uralte und längst bezahlte Rechnungen, ebenso Garantiescheine und Gebrauchsanweisungen für nicht mehr vorhandene Elektrogeräte. Ich kam mir vor wie eine Aktenvernichtungsmaschine, während ich nach und nach einen ganzen Waschkorb mit Papierschnitzeln füllte.

Judith hatte an einigen Tagen um 18 Uhr Feierabend, so auch heute. Ich war gespannt, was sie kochen würde, und wurde prompt enttäuscht, denn sie hatte zwei fix und fertig gegrillte Hähnchen besorgt und belegte nun ein Backblech mit gefrorenen Fritten. Einzig den Gurkensalat bereitete sie eigenhändig zu, leider mit viel zu viel Olivenöl. Als Cord anrückte, setzten wir uns sofort an den Tisch.

"Lass hören, was es Neues von der Qualle gibt", sagte Judith und häufte sich den Teller voll. "Wir warten schon sehnsüchtig beim Leibgericht auf den Lagebericht."

"Eure Madame war heute Vormittag ungefähr eine Stunde lang bei einem Rechtsanwalt in Darmstadt", sagte der mampfende Cord. "Sie konnte mich manchmal abhängen, aber an den Ampeln habe ich sie immer wieder eingeholt."

Judith schnellte hoch. "Scheiße!", rief sie. "Sie hat bestimmt gemerkt, dass sie von einem Deppen verfolgt wurde! Aber erst mal schön der Reihe nach, Karla und ich wollen jedes Detail wissen."

Er schien sich über ihre harten Worte nicht weiter zu grämen und schob gelassen ein abgenagtes Hühnerbein an den Tellerrand. "Keine Angst, ich war nie mit der Stoßstange dran. Außerdem hat sie nur selten in den Rückspiegel geschaut, die nimmt so einen wie mich überhaupt nicht wahr. - Der Hund ist übrigens sehr anhänglich. Der stromerte draußen herum und hat sich sofort mit mir angefreundet. Eigentlich könnten wir uns auch einen anschaffen, so ein großer Garten ist doch ideal. Also, gestern Abend habe ich mich erst mal umgesehen, wo sie wohnt: etwas außerhalb, in einem umgebauten Gehöft. Alles vom Feinsten mit Schwimmbad und Seerosenteich. Und jetzt kommt der Hammer: In der ehemaligen Scheune stehen vier Autos und zwei Motorräder!"

"Irgendwelche alten Klapperkisten?", fragte ich.

"Von wegen!", protestierte Cord. "Fast neue Wagen mit Nummernschildern, auch ein richtig teurer Schlitten ist dabei und ein Pickup. Und die zwei Yamaha-GP-Rennmaschinen sind auch nicht von schlechten Eltern. Ein teures Hobby, kann man wohl sagen."

"Lebt sie allein?", fragte Judith.

"Noch bevor die Qualle fortfuhr, kam ein Mann aus dem Haus und brauste mit dem Porsche davon. Der kam mir ein bisschen wie ein Schauspieler vor, braungebrannt, offenes Hemd, schneeweiße Zähne, blond und ziemlich jung"

"Kein Neid!", bemerkte Judith.

"Ich konnte ja nicht gut beide beschatten", sagte Cord. "Der Typ sah aber nicht so aus, als ob er malochen ginge." "Generation Y", sagte Judith nur. Und auf meinen fragenden Blick erläuterte sie: "Man nennt sie auch die Kuschelkohorte. Bestimmt ein reiches Muttersöhnchen, das Golf spielt und nur gelegentlich arbeitet, wenn"s ihm Spaß bringt. Doch vielleicht ist das ein Vorurteil, ich sollte mir den hübschen Jungen erst mal ansehen."

"Ich könnte ihm mal im Dunkeln begegnen", bot Cord eilig an.

"Untersteh dich", sagte Judith.

"Mich beschäftigt der Besuch beim Rechtsanwalt weit mehr", unterbrach ich ihr Geplänkel. "Sicher lässt sie sich beraten, wie sie Wolframs Testament anfechten kann." Gleichzeitig schwante mir, dass es riskant gewesen war, Cord in unsere Pläne einzuweihen.

"Und bestimmt ist es ein Winkeladvokat, der mit allen Wassern gewaschen ist", sagte Judith und zog die Stirn kraus.

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

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