ROMAN · INGRID NOLL: HAB UND GIER (FOLGE 64)

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Immer wenn er in Wald-Michelbach als unser Agent tätig war, hatte er das Auto auf einem Wanderparkplatz am Ortsrand stehen lassen und sich dem bewussten Anwesen auf Schleichwegen genähert. Durch ein Fensterchen konnte er unbemerkt in die Scheune hineinspähen. Das Haus schien leer und verlassen zu sein, auch vom Hund keine Spur. Schließlich hatte er aus weiter Ferne das vertraute Jaulen gehört. Er lief in jene Richtung und fand sich vor dem Nachbarhof wieder, wo der Porsche seltsamerweise direkt vor der Einfahrt stand.

Den Hund konnte er zwar nicht ausmachen, hörte ihn jetzt aber aus unmittelbarer Nähe leise winseln. Noch während Cord an dem gelben Wagen vergeblich nach Spuren suchte, fuhr ein Traktor vor. Der Landwirt stieg ab und erzählte ungefragt und stolz, dieses tolle Auto habe er sich gestern mal ausleihen dürfen. Man kam ins Gespräch, und Cord erfuhr, dass ein Polizist da gewesen sei. Er habe die traurige Nachricht überbracht, dass die Nachbarn lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus lägen. Daraufhin hatte der Bauer sofort an den Hund gedacht und ihn erst einmal zu sich geholt. Demnächst wollte er ihn aber ins Tierasyl bringen, da seine Frau nur Katzen duldete.

"Die arme Bella, die doch sonst frei herumlaufen durfte, lag an einer Kette und litt. Sie hat mich freudig begrüßt! Da habe ich es nicht übers Herz gebracht, sie ihrem Schicksal zu überlassen. Ich habe behauptet, ich würde den Hundetransport gern übernehmen. Als ich die Bella losmachte, sprang sie sofort freiwillig in meinen Wagen"

"Es ist immer noch mein Auto", unterbrach ich ihn scharf.

"War nicht so gemeint", sagte Cord. "Und ein paar Dosen Futter habe ich auch gleich mitgebracht. - Ich geh dann mal duschen!"

Am liebsten hätte ich vor Überforderung laut losgeheult, doch gleichzeitig keimte eine leise Hoffnung in mir auf: Immerhin konnte mir jetzt so schnell niemand mehr nach der Erbschaft trachten.

Fremde Kinder

Ein paar schöne Sommertage lang genoss ich den Garten in vollen Zügen. Cord ruhte nicht, bis er die halbtote Eibe und fast alle düsteren Nadelbäume gefällt sowie die Wiese gemäht hatte. Nur eine hohe, weitgehend gesunde Tanne ließ er stehen, damit das Eichhörnchen nicht heimatlos würde. Schließlich lieh er sich einen Anhänger, mit dem er den gesamten Grünschnitt zur Kompostieranlage brachte. Auch ich hatte etwas beigetragen und die Bank im hinteren Bereich eigenhändig gescheuert, abgebeizt, gestrichen und direkt daneben ein Blumenbeet angelegt. Beim Besuch von Wolframs Grab entdeckte ich in der Friedhofsgärtnerei noch ein paar übriggebliebene Tomatenpflanzen und stellte sie in Töpfen auf die Terrasse. Die Früchte zeigten schon einen roten Schimmer, und ich freute mich, nach vielen Jahren holländischer Treibhausprodukte wieder einmal sonnengereifte Tomaten essen zu können. Auch das Wetter blieb freundlich, Judith bekam Sommersprossen, ich einen aparten hellbraunen Teint, während Cord so wettergegerbt wie ein Seemann aussah. Um des lieben Friedens willen duldete ich sogar den Hund. Für alle Fälle wurde Bellablock umgetauft und lebte fortan inkognito bei uns. Wir riefen sie jetzt Debbie, und das intelligente Tier hörte sogar darauf.

Wir vertrugen uns ziemlich gut, aßen vorwiegend draußen und freuten uns am Resultat unserer gemeinsamen Bemühungen. Die Vertreibung aus dem Paradies drohte zwar nach wie vor, doch das über uns schwebende Damoklesschwert ignorierten wir einfach.

Natürlich dachte ich ständig an meine Kontrahentin und hätte nur zu gern gewusst, wie es ihr ging. Inzwischen hatte auch Frau Altmann, die ja Gott und die Welt kannte, durch irgendwelche Quellen erfahren, dass der schwere Unfall aus der Zeitung niemand anderem als der Qualle zugestoßen war, und mir diese Neuigkeit brühwarm erzählt. Ich tat so, als hätte ich keine Ahnung, und heuchelte Bestürzung. Schließlich hielt es unsere neugierige Nachbarin nicht länger aus. Sie rief in der Unfallklinik an, und da sie genau wusste, dass nur die nächsten Angehörigen eine Auskunft erhalten durften, gab die vermeintlich so biedere Frau Altmann sich schlauerweise als Polizistin aus, die sich nach der Vernehmungsfähigkeit der Verletzten erkundigen wollte. Sabrina Rössling, erfuhr sie, sei wenige Tage nach der Einlieferung verstorben und liege mittlerweile in der Pathologie, ihr Freund sei vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

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