ROMAN · INGRID NOLL: HAB UND GIER (FOLGE 63)

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Ich schob ihm eine Tasse über den Tisch und legte ihm kommentarlos die Zeitung daneben.

Er sah mich fragend an, las und schüttelte sofort den Kopf. "Das kann aber nicht die Qualle sein, die war doch mit dem gelben Porsche unterwegs!"

"War sie eben nicht. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen, sie und ihren Lover mitsamt den Motorradhelmen!"

Cord wurde kleinlaut. "Das konnte ich nicht wissen, davon hat mir Judith kein Wort gesagt. Ich wollte eigentlich nur, dass der Porsche einen Kratzer kriegt, denn der gelbe Wagen stand nicht im Stall" "und die Feuerstühle bestimmt auch nicht! Trotzdem ist es nicht gesagt, dass sie es sind, die nun schwerverletzt im Krankenhaus liegen, Namen wurden nicht genannt. Wenn du das aber warst mit dem Öl und man dich erwischt, wirst du so oder so wegen Mordversuchs angeklagt."

Vor Schreck wurde er ganz blass. "Es war doch bloß das Motorenöl aus der Garage. Ich wollte der Qualle nur eine kleine Lektion erteilen! Sie eine Weile außer Gefecht setzen, damit wir in Ruhe die Formalitäten abwickeln können." Er schluckte ein paarmal, dann behauptete er dreist, aber mit treuherzigem Augenaufschlag: "Außerdem habe ich es einzig und allein für euch getan!"

"Der arme Wolfram musste also aus reiner Gefälligkeit daran glauben, und nun auch die Qualle! Bist du noch ganz richtig im Kopf?"

"Ihr beide habt euch schon bei dem Alten nicht getraut, dafür braucht es einen Dummen wie mich, der euch die Kastanien aus dem Feuer holt. Die Judith hatte doch die ganze Zeit Panik, dass wir von der Qualle ausgebootet würden. Wenn nicht alles nur blinder Alarm war, dann ist nun hoffentlich Ruhe im Karton."

Ich seufzte tief auf. Die Ungewissheit war unerträglich.

"Hör jetzt auf mit der Gartenarbeit", befahl ich. "Fahr hin, und vergewissere dich, ob jemand zu Hause ist und ob die Motorräder heil in der Scheune stehen. Ich habe noch ein altes Theaterglas, das kannst du meinetwegen mitnehmen."

"Jetzt wird mir Judith wieder die Hölle heißmachen", sagte Cord fast verzagt.

"Wenn es sich um unbekannte Leute handelt, die im Krankenhaus liegen, dann braucht sie es meinethalben nicht zu erfahren", sagte ich.

Er verkroch sich in mein Auto. "Junge, komm bald wieder", brummte ich, und mir fiel mit Schrecken ein, dass ich Bernadettes Lieblingslied auf den Lippen hatte.

Einkaufen mochte ich nicht, ohne Auto. Für Wolframs und Bernadettes Papierkram fehlte mir die nötige Konzentration, blieb nur der Garten und die vage Hoffnung auf ein rein zufälliges Gespräch mit Frau Altmann.

Vielleicht wurde ja schon irgendetwas gemunkelt. Aber ich hatte ausnahmsweise kein Glück, sie rief mir zwar einen Gruß zu und lobte Cords Arbeit, hielt sich aber ansonsten von der schütteren Hecke fern. Offenbar ahnte sie noch nichts. Als sie gerade ins Haus zurückgehen wollte, fragte ich scheinheilig, ob man Löwenzahn als Unkraut betrachten sollte. Sie blieb nicht stehen, sondern brüllte nur von weitem: "Und o-ob!", und war verschwunden.

Zur Siestazeit legte ich mich zwar aufs Sofa, schaute aber dauernd auf die Uhr. Irgendwann hörte ich direkt vor der Haustür ein aufgeregtes Bellen. Cord schloss auf, hinter ihm schoss der Golden Retriever hinein und flitzte zielstrebig in die Küche.

"Bellablock braucht Wasser", meinte Cord nur.

Ich bekam sekundenlang kein Wort heraus, dann schrie ich ihn an: "Nun sag schon - was ist passiert?"

Er berichtete mit leiser Stimme und gesenkten Hauptes, dass weder die beiden Motorräder noch der Porsche in der Scheune gestanden hätten, und auch von den Bewohnern sei weit und breit nichts zu sehen oder zu hören gewesen.

"Und woher hast du den Kläffer? Das fehlt mir gerade noch, ein Hund im Haus! Den bringst du sofort zurück!"

Cord sah mich mit seinem berühmten Dackelblick an, Bellablock tat es ihm nach. Ich ließ mich aber nicht erweichen.

"Und was soll ich Frau Altmann sagen, wenn sie den Köter wiedererkennt?"

Cord zuckte ratlos mit den Schultern. Aber dann kam ihm die Erleuchtung. "Wir sagen, der Hund sei uns zugelaufen"

Das würde uns Frau Altmann niemals abnehmen. Doch momentan hatte ich ganz andere Sorgen. Cord ließ sich die Würmer einzeln aus der Nase ziehen.

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

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