ROMAN · INGRID NOLL: HAB UND GIER (FOLGE 62)

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Er ruhte nicht, bis er selbst von Kopf bis Fuß mit Sägespänen bedeckt war sowie große Teile der Terrasse. Um zehn Uhr, als auch der letzte Anwohner wach sein musste, vollendete er sein mörderisches Werk. Der große Baum lag in kleinen Stücken am Boden.

Zufrieden kam Cord in die Küche gestapft und meinte nur: "Freie Sicht aufs Mittelmeer!"

Es war tatsächlich ein Wunder geschehen. Das Näh- und Bastelzimmer war hell und freundlich geworden, die Sonne schien herein, und man blickte weit ins hügelige Land hinaus bis zu Weinheims Wahrzeichen, den beiden Burgen. Ich bekam plötzlich große Lust, diesen schönen, großen Raum auszumisten und zu meiner privaten Bibliothek umzugestalten. Bis auf die Glasvitrine, die ich als Bücherschrank nutzen konnte, würde ich Bernadettes gesamten Krempel auf den Speicher schaffen.

Knarrende Stiefel rissen mich aus meinen Gedanken, Cord war mir gefolgt. "Und?", meinte er nur.

"Großes Kompliment", beeilte ich mich, ihn zu loben. "Für dieses Resultat wische ich sogar gern das Sägemehl wieder auf. - Aber sag, was ist mit der Qualle?"

"Judith hat mir zwar gesteckt, dass die Qualle mit ihrem Typ am Marktplatz abhing, aber ich bin trotzdem nicht eingebrochen, weil ihr es mir ja verboten habt. Doch immerhin habe ich ihr einen kleinen Denkzettel verpasst."

"Denkzettel? Inwiefern?", fragte ich mit einer leichten Gänsehaut an den Oberarmen.

"Wahrscheinlich hat es sowieso nicht geklappt", sagte er. "Warten wir mal ab!"

"Was sollen wir abwarten?" Ich wurde hellhörig.

"Wenn ich etwas hasse, dann sind es Angeberautos", meinte Cord. Und mit diesen sibyllinischen Worten ging er wieder hinaus und knöpfte sich als Nächstes eine dürre Fichte vor.

Nun, falls er ihnen den Porsche zerkratzt hatte, wollte ich lieber gar nichts davon wissen. Lieber fuhr ich in den Supermarkt, um die Bestie zu besänftigen. Was sollte man einem körperlich hart arbeitenden Mann vorsetzen? Am besten wieder viel Fleisch.

Das Abendessen verlief wortkarg, Cord war hungrig und erschöpft, Judith müde. Man sah ihr an, dass sie zu wenig geschlafen und zu viel getrunken hatte. Wir gingen alle drei früh zu Bett. Der Schock traf mich erst am nächsten Tag.

Eigentlich lese ich nie die ganze Zeitung. Natürlich die erste und letzte Seite, die wichtigsten innen- und außenpolitischen Nachrichten, Wetter und Feuilleton. Anzeigen, Sport und Wirtschaft spare ich aus. Ebenso den Lokalteil, denn ich muss nicht unbedingt wissen, wer wo Goldene Hochzeit feiert, welcher Gesangverein einen Preis erhält oder wo eine Tagung nordbadischer Taubenzüchter stattfindet. Einzig Wald-Michelbach, dessen Name mich förmlich anspringt, übt seit kurzem eine magische Anziehung auf mich aus. Anfangs überflog ich die wenigen Zeilen nur mit halber Aufmerksamkeit, dann überfiel mich eine böse Ahnung.

Wald-Michelbach

In der Nacht zum Donnerstag ereignete sich nach Angaben der Polizei ein schwerer Unfall nahe der Kreidacher Höhe. In einer abschüssigen scharfen Rechtskurve, die zu einem Bauernhof abzweigt, gerieten zwei Motorradfahrer durch eine Öllache ins Schleudern und kollidierten beim Sturz mit großer Wucht. Den Polizeibeamten bot sich ein Bild des Grauens. Beide Personen wurden schwer verletzt, ihre Motorräder erlitten Totalschaden. Ein Rettungshubschrauber brachte die Verletzten nach Ludwigshafen, das Öl wurde durch die Feuerwehr entsorgt.

Es stellt sich die Frage, ob der sadistische Unbekannte, der in Bayern und Baden-Württemberg schmieriges Altöl in grüne Weinflaschen füllt und sie in kurvigen Strecken, die bei Bikern beliebt sind, auf die Fahrbahn wirft, auch hier wieder zugeschlagen hat. Dagegen spricht, dass man in diesem Fall keine Glassplitter fand. Die örtliche Polizeidienststelle in Wald-Michelbach bittet die Bevölkerung um sachdienliche Hinweise; eventuell haben Zeugen einen Wagen beobachtet, der zu nächtlicher Stunde im Umkreis der Kreidacher Höhe anhielt, dessen Fahrer ausstieg oder sich sonst wie auffällig verhielt.

Hoffentlich hatte Cords "Denkzettel" nichts mit diesem schrecklichen Unfall zu tun! Auch heute tobte er sich wieder seit dem frühen Morgen im Garten aus, stutzte Gebüsch und jätete Unkraut. Ich lief auf die Terrasse und winkte ihn herein: "Kaffee?"

"Ja, schwarz!"

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

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