ROMAN · INGRID NOLL: HAB UND GIER (FOLGE 61)

|

Ehe ich mich versah, war ich wieder allein, denn Judith sprang plötzlich auf, winkte heftig in die Ferne und sagte, sie habe einen ehemaligen Klassenkameraden gesichtet. Und schon war sie auf und davon, um ihn zu begrüßen.

Ich löffelte meinen Schwarzwald-Becher aus, schließlich auch Judiths schmelzendes Mango-Eis und beobachtete die vielen jungen Leute, die sich auf engstem Raum zusammendrängten, aßen, tranken, lachten und unentwegt laut redeten.

Kinderwagen und Rollstühle versperrten die engen Passagen zwischen den Stühlen, sogar winzige Knirpse waren wie in südlichen Ländern noch mit von der Partie und huschten wie quirlige Fledermäuse herum. Zwei Weißhaarige am Nachbartisch tranken Schorle und schimpften über die heutige Jugend.

Mehrmals hörte ich den Alten räsonieren: "Frieher hot"s des net gewwe!", und seine Frau erwiderte jedes Mal: "Maanste?"

In diesem Moment schlängelte sich ein Pärchen auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit durch die Reihen, beide trugen einen Motorradhelm unterm Arm. Noch bevor sie mich entdecken konnte, hatte ich die Qualle erkannt. Ich duckte mich weg, bis die beiden an mir vorbeigelaufen waren. Dann spähte ich hinter ihnen her. Der Mann war blond, schlank und groß, aber ich konnte seine angebliche Schönheit leider nur noch von hinten begutachten. Da sie partout keinen Platz fanden, ließen sie sich mehr schlecht als recht auf den Stufen des Brunnens nieder, vorläufig immer noch mit dem Rücken zu mir.

Wann kam Judith endlich wieder zurück? Ich saß wie auf heißen Kohlen. Und wenn die Qualle mir erneut in aller Öffentlichkeit eine Szene machte? Zu guter Letzt vibrierte mein Handy, und Judith fragte, ob ich nicht zu ihnen an den Tisch kommen wolle.

"Bin schon auf dem Heimweg!", brüllte ich, nicht nur wegen des schlechten Empfangs, sondern auch, weil ich mich ganz schön von ihr verschaukelt fühlte.

"Übrigens ist die Qualle aufgetaucht. Wenn du ihren Adonis sehen willst, solltest du deinen Verehrer mal kurz im Stich lassen und dich am Brunnen umsehen, sie warten dort auf einen freien Platz"

"Perfekt", sagte Judith. "Dann werde ich jetzt Cord anrufen. Er soll wissen, dass die Luft rein ist!"

Der Mörder ist immer der Gärtner

Nach einem kurzen, aber einsamen Heimweg lag ich endlich im Bett, noch etwas aufgekratzt und trotzdem müde. Erst gegen zwei Uhr schlief ich ein, weil ich mich fragte, was Judith in all der Zeit wohl trieb. Immerhin war Cord schon länger wieder zurück, was mich diesmal beinahe beruhigte. So konnte er wenigstens keinen Unfug treiben. Ein grässliches Nachtgespenst weckte mich gegen fünf, ein Traum, der mich so ähnlich schon kurz nach Wolframs Tod gequält hatte. Meistens waren meine Träume verworren, doch seit ich in diesem Haus schlief, waren meine Ängste leicht zu deuten. Mir träumte, der Leitwolf sei tot, und ich hätte die Rolle der Alpha-Wölfin übernommen und fette Beute gemacht. Doch noch bevor ich mich daran satt essen konnte, wurde ich von jüngeren Mitgliedern des Rudels halb totgehetzt. Ich lief und lief - aber wie es mit Alpträumen so ist, bevor es zum Äußersten kommt, wird man wach und ist am nächsten Tag schlecht gelaunt.

So war es auch an jenem Donnerstag, als ich übernächtigt und verdrossen einen starken Kaffee trank und durchs Küchenfenster einen Mann im Garten erspähte. Hörte der Alp denn niemals auf? Was musste mich dieser Kerl ständig zu Tode erschrecken? An der Hecke gab es nicht mehr viel zu schneiden, bestimmt hatte er jetzt vor, die Bäume zu massakrieren. Ich beobachtete, wie er eine große Klappleiter aus dem Schuppen schleifte, zum Kirschbaum schleppte, in voller Höhe ausfuhr und anlegte. Bei uns an der sonnigen Bergstraße, von den Römern bereits Via Montana getauft, blühen die Bäume und reift das Obst früher als im übrigen Deutschland. Amseln und Stare hatten die Früchte längst abgeerntet, nur noch ein paar schimmelige Hutzeln hingen an den Zweigen.

Gemächlich kappte er die toten Äste, nahm ein verwittertes Vogelhäuschen ab und ruhte nicht, bis er die Höhe des Scheiterhaufens verdoppelt hatte. Eine kranke Kiefer war das nächste Opfer. Misstrauisch beobachtete ich, wie sich Cord beim Absägen der dicken Äste etappenweise von unten nach oben vorarbeitete und schließlich beim fast nackten Stamm in umgekehrter Reihenfolge verfuhr.

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kostenlos Bus fahren an vier Adventssamstagen

Alle Ulmer Fraktionen wollen den baustellengeplagten Handel vor Weihnachten unterstützen. Der Nahverkehr soll an Adventssamstagen kostenlos sein. weiter lesen