ROMAN · INGRID NOLL: HAB UND GIER (FOLGE 60)

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Morgen kann ich mal versuchen, ins Haus zu kommen", erklärte Cord. "Mit einem Akkubohrer kriegt man in null Komma nichts die Zargen der Balkontür auf. Direkte Nachbarn gibt es nicht, der Hund kennt mich mittlerweile und ist absolut friedlich" "Auf keinen Fall sollst du ein krummes Ding drehen", sagte Judith ärgerlich. "Es darf um Gottes willen nicht auffallen, dass jemand eingestiegen ist. Von wegen Akkubohrer!"

"Ein gekipptes Fenster wäre ideal", meinte Cord. "Aber nach was soll ich eigentlich suchen?"

Judith und ich sahen uns etwas ratlos an. Klar, wir wollten Beweise, dass die Qualle nie und nimmer eine karitative Seele war, sondern ihre Verwandten für eigennützige Zwecke geschröpft hatte. Aber wie sollte solch ein tumber Sherlock Holmes in fremdem Papierkram belastende Belege finden? Schon ich tat mich schwer mit Wolframs Akten und brauchte Stunden über Stunden, um sie zu sichten.

Judith antwortete etwas vage: "Du musst ein Gespür dafür entwickeln, was normal und was verdächtig ist. Die Nobelkarossen in der Scheune deuten auf einen aufwendigen Lebensstil hin, der Pool und der blonde Schönling auch. Dafür, dass sich die Qualle für soziale Projekte engagiert, gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt." "Ich fahre heute Abend noch mal rüber", sagte Cord. "Und werde bei der Gelegenheit auch gleich ein paar Boskoops ernten. Ganz in der Nähe habe ich eine Obstplantage entdeckt."

"Spinnst du? Die sind jetzt noch gar nicht reif!", meinte Judith. "Kann man eigentlich durch die Fenster reinschauen? Oder sogar das Pärchen belauschen?"

"Im ersten Stock steht offenbar ein Computer. Gestern war dort so ein schwaches Licht, und davor die Silhouette einer Frau." "Gut beobachtet", lobte Judith. "An den Rechner müsste man rankommen. Die Qualle hat sicherlich alles abgespeichert." "Ich kenne mich mit diesen Dingern nicht besonders gut aus", sagte Cord. "Da müsste mir schon Karla helfen."

"Ich doch nicht", protestierte ich erschrocken. Allein die Vorstellung, gemeinsam mit Cord wie ein Fassadenkletterer einzusteigen, um einen PC zu bedienen, verursachte mir Herzrasen.

"Alles muss man selber machen", seufzte Judith. "Im Gegensatz zu euch beiden bin ich berufstätig."

"Nicht mehr lange", meinte Cord. "Wenn du erst reich bist, kannst du den ganzen Tag reiten, segeln und Tennis spielen."

Jaja, wie im Märchen, dachte ich. Da hackt sich die eine Tochter sogar die große Zehe ab, damit ihr Fuß in den goldenen Pantoffel passt. Und nur weil Aschenputtels Stiefmutter behauptet: Wenn du erst Königin bist, brauchst du nie mehr zu Fuß zu gehenWas führten meine Mitbewohner wohl noch alles im Schilde? Wollten sie mir mein Erbe am Ende auch mit roher Gewalt abjagen? Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun.

Als hätte Judith meine Gedanken gelesen, setzte sie eine betont heitere Miene auf und legte den Arm um mich.

"Mach dir nicht gleich so einen Kopf, Karla. Es ist ein richtig warmer Sommerabend, und wir hocken hier herum und wälzen Probleme! Man lebt nur einmal und sollte das Hier und Jetzt genießen! Während Cord in den Odenwald fährt, könnten wir zwei doch gemütlich zum Marktplatz schlendern und uns einen Eisbecher oder Prosecco gönnen!"

Das war eine gute Idee. Der historische Marktplatz unseres Städtchens passt sich der natürlichen Geländeform an und ist von der Laurentius-Kirche bis hinunter zur Löwen-Apotheke etwas abschüssig. An schönen Tagen sind die Tische der Cafés und Restaurants fast alle besetzt, am Wochenende ist oft kein Platz mehr zu bekommen. Touristen und Besucher aus der näheren Umgebung fallen hier ein, aber auch die Einheimischen lassen sich gerne unter japanischen Schnurbäumen und großen Schirmen nieder und genießen den Blick auf Fachwerkhäuser und andere Gäste. Hier erfasst jeden ein schwereloses Urlaubsgefühl, beinahe wie in der Toskana. Judiths Vorschlag war genial. Von unserem neuen Domizil waren es nur wenige Minuten zu Fuß bis zur Altstadt. In den Wirtschaften, die Wein ausschenkten, war leider alles besetzt, aber beim italienischen Eislokal hatten wir Glück. Meine bösen Vorahnungen waren schnell vergessen, ich fühlte mich von einem Augenblick zum anderen lockerer und fröhlicher und beschloss, von nun an öfter hierherzukommen, ob mit oder ohne Begleitung.

Fortsetzung folgt

© Diogenes Verlag 2014

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